Ideen geben Vorschriften einen Mehrwert

10. April 2014

Der betriebliche Arbeitsschutz ist von der Ausführungs- auf die Innovationsebene vorgerückt. Aktuelle Beispiele zeigen, dass heute strategische und ganzheitliche Ansätze gefragt sind.

Ausgezeichnete Innovationen erhöhen Arbeitssicherheit

Wer in der Produktion eines Industriebetriebs arbeitet, darf nicht allzu lärmempfindlich sein. Schwerhörig jedoch auch nicht, denn Warnsignale oder Anweisungen des Schichtleiters muss der Mitarbeiter hören können. Das ist insbesondere für hörgeschädigte Menschen ein Problem: Denn mit einem handelsüblichen Hörschutz wird die Hörfähigkeit des Einzelnen so stark eingeschränkt, dass er seine Tätigkeit nicht mehr sicher ausüben kann.

Lärm raus, Kommunikation rein

Mit diesem Dilemma hat sich Thomas Meyer beschäftigt. Der Geschäftsführer der Hörluchs Gehörschutzsysteme GmbH & Co. KG entwickelte in seinem Betrieb im mittelfränkischen Hersbruck gemeinsam mit Fachpartnern das Hörsystem ICP (Insulating Communication Plastic). Das einem Headset ähnelnde Gerät bietet einerseits Gehörschutz, ist andererseits jedoch für Stimmen und Warnsignale durchlässig. Möglich macht das ein spezieller, von Hörluchs entwickelter Filter. Er dämmt den Arbeitslärm und schützt das Gehör vor weiteren Schädigungen. Zudem erkennt das Gerät Sprache auch in lauter Umgebung und verstärkt sie für seinen Träger. Je nach Arbeitsplatzsituation und Mitarbeiter lässt es sich individuell anpassen.

Für die Jury des „Deutschen Arbeitsschutzpreises 2013“ Broschüre zum Download war diese zukunftsweisende Innovation einen ersten Preis in der Kategorie „Produktlösungen“ wert. Andere Auszeichnungen erhielten das Jobcenter Hof Stadt mit dem Sicherheitskonzept „Sicherheit und Gesundheit für Mitarbeiter“, das Konflikten durch verbale und körperliche Übergriffe gegen Mitarbeiter von Jobcentern vorbeugt und gefährliche Situationen entschärft. Prämiert wurde auch die RWE Power AG für das Sicherheitsprogramm „Sicher voRWEg mit Partnerfirmen“. Ziel des Programms ist es, die Arbeitssicherheit bei Partnerfirmen von RWE Power zu erhöhen. Die Maßnahmen wirken: Bei den betreffenden Beschäftigten wurde die Unfallquote um bis zu 80 Prozent gesenkt.

Einfache und überzeugende Lösungen

Die Wintershall GmbH wiederum überzeugte die Jury mit dem „Ein-Mann-Transport-System für Gasflaschen“. Das einfache und zugleich innovative System ermöglicht es, Gasdruckflaschen sicher und rückschonend zu verladen und zu transportieren. Es minimiert die Gefahr von Arbeitsunfällen und trägt zum Gesundheitsschutz bei. Einen Sonderpreis schließlich erhielt der Verein DocStop für Europäer e.V. für seine ehrenamtliche Initiative „Medizinische Unterwegsversorgung für Bus- und Berufskraftfahrer“. Das Prinzip: Die Fahrer können bei gesundheitlichen Beschwerden eine Hotline anrufen, über die ihnen ein Mediziner aus dem bundesweiten Ärztenetzwerk von DocStop vermittelt wird.

Arbeitsschutz geht inzwischen weit über die herkömmlichen Vorstellungen von Schutzkleidung und Erste-Hilfe-Koffer hinaus. Die unter diesem Begriff versammelten Maßnahmen fußen heute auf einer ganzheitlichen Strategie. Nicht von ungefähr sind seit dem Herbst 2013 auch psychische Belastungen im Arbeitsschutzgesetz verankert. So heißt es unter anderem jetzt in § 4 Nr. 1: „Die Arbeit ist so zu gestalten, dass eine Gefährdung für das Leben sowie die physische und psychische Gesundheit möglichst vermieden und die verbleibende Gefährdung möglichst gering gehalten wird“.

Arbeitsunfähigkeit ist teurer als Vorsorge

Mangelnde Sicherheit belastet Produktivität

Dass Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz ein zentrales Anliegen für Unternehmen und Arbeitsschutzakteure sein muss, zeigt auch ein Blick in die Statistiken. Wie der Bericht zu Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zeigt, waren im Jahre 2011 in Deutschland 99,7 Millionen „Arbeitsunfähigkeitstage“ auf Erkrankungen und Beschwerden des Bewegungsapparates zurückzuführen. Die damit verbundenen Produktionsausfallkosten belaufen sich auf rund 10 Mrd. Euro. Im selben Jahr wurden bundesweit 59,2 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen registriert; dies hat zu einem Ausfall an Bruttowertschöpfung von 10,3 Milliarden Euro geführt.

Investitionen in den Arbeitsschutz machen sich grundsätzlich bezahlt, wie auch das Arbeitsschutzforum 2013 im Institut für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG) in Dresden feststellte. Unternehmen und Beschäftigte profitieren von einer gesundheitsförderlichen Arbeitsgestaltung: Ausfallzeiten und Betriebsstörungen nehmen ab, das Ansehen des Unternehmens in der Öffentlichkeit steigt, die Betriebskultur wird besser und die Beschäftigten zufriedener. Deshalb müsse mehr dafür getan werden, den Stellenwert von Arbeitsschutz in den Unternehmen und in der gesellschaftlichen Debatte zu stärken, so die im Arbeitsschutzforum versammelten Experten.

Prävention steigert Arbeitgeberattraktivität

„Die Gesunderhaltung der Mitarbeiter ist ein Top-Thema der Prävention. Unsere repräsentative GDA-Betriebsbefragung zeigt: 95 Prozent der Betriebe, die angeben ihr Engagement im Arbeitsschutz verstärkt zu haben, tun dies, weil es der Gesundheit ihrer Mitarbeiter nützt“, sagte Dr. Walter Eichendorf, amtierender Vorsitzender der Nationalen Arbeitsschutzkonferenz (NAK) und stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). „Mit Blick auf längere Lebensarbeitszeiten und Fachkräftemangel erkennen Betriebe, dass die Förderung von Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz eine wesentliche Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg und Arbeitgeberattraktivität ist.“

Zu den traditionellen, erkannten und kontrollierbaren Risiken kommen auch stets wieder neue, die zusätzliche Aufmerksamkeit und andere Ansätze erfordern. So eröffnen schnellere, leistungsfähigere Rechner gepaart mit neuen Materialien - wie zum Beispiel Textilien - zukunftsträchtige Wege der Gestaltung von Arbeitsplätzen und Arbeitsmitteln. Kollege Computer kann mittlerweile unterstützen, sichern, überwachen oder Verhalten lenken.

Neue Technik wirft neue Fragen auf

Unter dem Begriff „Umgebungsintelligenz“ oder "Ambient Intelligence (AmI)" sickern diese Technologien allmählich aber auch in den Arbeitsalltag. Damit bei dieser technischen Entwicklung die menschengerechte Gestaltung der Arbeit nicht auf der Strecke bleibt, befasst sich die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) mit diesen neuen Assistenzsystemen. In der Ausgabe 04/13 www.baua.de ihrer Mitteilungen, der „baua: Aktuell“ setzt sie sich mit adaptiven Arbeitsassistenzsystemen wie „Head Mounted Displays“ oder Datenbrillen auseinander genauso wie mit intelligenter Schutzkleidung, mit Beleuchtungssystemen und Sicherheitstechnik und dergleichen mehr.

 „Zu den übergreifend wichtigen Fragen zählen auch Effekte des Alters der Menschen, die die jeweilige Technologie nutzen“, heißt es dort. „So kann die altersbedingte Veränderung der Sehfähigkeit bei der Gestaltung von neuartigen Displays ein wichtiger zu berücksichtigender Faktor sein.“ Auch die Wirkungen von „intelligenten“, automatisierten Sicherheitseinrichtungen an Maschinen auf die menschliche Wahrnehmung, die Bewertung von Risiken sowie das daraus resultierende Verhalten müssten „sorgfältig untersucht werden“.

Es stellt sich aus Sicht der BAUA die Frage, ob die innovativen Sicherheitstechnologien auch bei komplexen Mensch-Technik-Interaktionen zu einer Verbesserung des Schutzniveaus beitrügen. Sicher sei, dass die von der AmI-Technik herbeigeführten Veränderungen nicht immer nur die gewünschte Richtung einschlügen.

investor relations