Im Überblick: Digitalisierung für die Wirtschaft

15. Juni 2015

Serie: Das Thema „Digitalisierung“ ist eine Querschnittsaufgabe für die gesamte Wirtschaft. Alle Branchen und Unternehmen jeder Größe müssen sich damit auseinandersetzen. Die wichtigsten Fragen und Antworten finden Sie hier.

Was heißt und was bewirkt Digitalisierung?

Was heißt Digitalisierung?

Das Internet ist längst zum wichtigsten Treiber gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderungsprozesse geworden. Das betrifft alle Lebensbereiche und damit selbstverständlich auch die Arbeitswelt. Im Kern geht es dabei um die Internet basierte Steuerung von Arbeitsprozessen, sei es in der Produktion (Stichwort Industrie 4.0) oder auch dem stetig wachsenden und von der Digitalisierung am meisten profitierenden Dienstleistungssektor. Das bedeutet, ein großer Teil der Wertschöpfung wird nicht mehr durch die Herstellung physischer Güter erzeugt, sondern durch den Austausch von Daten über das Internet, der der Güterproduktion vor- oder nachgelagert ist (hybride Wertschöpfung).

Digitalisierung der Arbeit? Voll im Gange.

In der Arbeitswelt ist die Zukunft längst Gegenwart. Getrieben von der Digitalisierung verändern sich in den Unternehmen Strukturen und Prozesse, bekommen Arbeitsplätze ein neues Gesicht.

Bei dem Thema ‚Digitalisierung der Arbeit‘ geht es im Wesentlichen um die Suche nach einem neuen ‚Flexibilitätskompromiss‘ (vgl. ‚Grünbuch‘ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales BMAS), bei dem Stabilitätsanforderungen einerseits und steigender Flexibilitätsbedarf andererseits in Einklang gebracht werden müssen.

Darauf aufbauend ergibt sich eine Reihe von Fragen, mit denen sich Firmen, Führungskräfte und Personalverantwortliche derzeit befassen müssen.

Was bewirkt die Digitalisierung?

Der Münchner Kreis, eine übernationale Vereinigung für Kommunikationsforschung, hat folgende Darstellung publiziert: „Die Digitalisierung eröffnet für die Gestaltung von Inhalt, Prozess und Organisation der Arbeit und Zusammenarbeit neuartige Potenziale, indem sie v.a. den Zugang zu intelligenten Tools, Instrumenten, Automatisierungs-, Produktions- und Vernetzungstechnologien wie auch den Zugang zu global verteilten Informationen, Wissen, Kompetenzen, Ressourcen, Arbeitspartnern und Märkten erleichtert oder erst ermöglicht.“

Bezogen auf die Herstellung von Gütern wird häufig auch von einem Drei-Stufen-Modell gesprochen:

  1. Information: Daten zu Zustand und Position in (fast) Echtzeit
  2. Interaktion: Daten zur Vernetzung und Interaktion von Menschen, Maschinen und Objekten
  3. Intelligenz: Daten, die zu einer eigenständigen Entscheidungsfindung in Form von Objekten und Systemen ohne menschliche Einflussnahme führen (künstliche Intelligenz)

Welche Veränderungen sind zu erwarten?

Gibt es dazu vergleichbare Situationen in der Entwicklung der Wirtschaft?

Ja und nein. Technologischen Fortschritt gibt es seitdem es die Menschheit gibt. „Arbeiten 1.0“ beschrieb die Arbeitswelt im Nachgang an die Erfindung der Dampfmaschine im ausgehenden 18. Jahrhundert. Mit ihr begann die Entwicklung zur Industriegesellschaft. „Arbeiten 2.0“ markierte Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts den Beginn der Massenproduktion durch die Einführung der Fließbandarbeit und zunehmenden Elektrifizierung der Arbeitsprozesse. „Arbeiten 3.0“ umfasste die Herausbildung des Sozialstaats und der Arbeitnehmerrechte im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft sowie die in den 70er und 80er Jahren einsetzende Automatisierung von Routinearbeiten durch Informationstechnologie. Die ersten Roboter hielten Einzug in die Produktionshallen.

Das Neue an „Arbeiten 4.0“ ist die Geschwindigkeit der Entwicklung. Diese verläuft vielfach nicht mehr linear und lokal - wie in der Vergangenheit-, sondern exponentiell und global. Außerdem verschiebt sich im Zuge der Digitalisierung auch das Verhältnis der Menschen zu ihrer Arbeit. Früher (und zum großen Teil ja auch heute noch) kamen die Menschen zur Arbeit. In einer digitalisierten Arbeitswelt ist es umgekehrt: Hier kommt die Arbeit zu den Menschen.

Fachleute im Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) haben es so beschrieben: Wenn sich Arbeitsort und Arbeitszeit flexibilisieren lassen, haben die Menschen mehr Möglichkeiten Arbeit und Privatleben in unterschiedlichen Lebensphasen individuell zu organisieren. Das Internet ermöglicht es Selbständigen, den Kundenkreis auszudehnen und neue Geschäftsfelder zu entdecken. Gleichzeitig stirbt das traditionelle Unternehmen aber genauso wenig aus wie das sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnis.

Welche Unternehmen sind von der Digitalisierung betroffen?

Ausnahmslos alle, denn die Digitalisierung ist keine Vision für morgen, sondern zum großen Teil schon Realität. Schon seit langem ist in den Büros ohne entsprechende Software kein Prozess mehr wirtschaftlich darstellbar. Gegenwärtig vollzieht sich die Umstellung in der Produktion besonders schnell. Selbst kleinere und mittlere Betriebe kommen als aktive und passive Glieder von Wertschöpfungsketten nicht an der Digitalisierung vorbei. Mit der zunehmenden elektronischen Verwaltung im Rahmen des E-Government schließt sich zusehends auch diese Lücke.

Welche Veränderungen sind generell zu erwarten?

„Digitalisierung und Industrie 4.0 verändern die Grundlagen von Produktion, Dienstleistungen und Arbeit“, sagte der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, bei der Vorstellung des Forschungsprogramms „Innovationen für die Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen“. Aber die Digitalisierung betrifft eben auch nicht nur die Arbeitswelt. Auch privat sind wird längst vernetzt, sei es über die sozialen Medien oder - ganz banal - durch die Nutzung unseres Navigationsgerätes im Auto. Das Thema betrifft schlichtweg alle Bereiche, was die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben zunehmend fließend werden lässt und damit auch an jeden einzelnen ganz neue Anforderungen bezüglich der Selbstorganisation stellt. Der Wandel hin zu einer digitalen Lebenswelt ist eine gesamtgesellschaftliche und deshalb vor allem auch politische Aufgabe. „Dazu zählen mehr Tempo im Ausbau von schnellen Internetverbindungen, ein hohes Maß an Datenschutz und Datensicherheit, die Schaffung eines europäischen digitalen Binnenmarkts sowie die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung als Ergänzung der wichtigen Projektförderung“, so Ulrich Grillo.

Wofür steht „4.0“ und wer ist darauf vorbereitet?

Welche Rolle spielt derzeit viel zitierte „Industrie 4.0“ bei der Digitalisierung?

Hinter „Industrie 4.0“ steht die Idee, die deutsche Industrie auf veränderte Marktverhältnisse einzustellen und fit für die Zukunft zu machen. Dabei geht es insbesondere darum, den Produktionsstandort Deutschland zu schützen und eine Abwanderung von Industrie in Regionen zu verhindern, die Digitalisierung schneller umsetzen. Eine der Kernideen ist eine starke Individualisierung der Produkte unter den Bedingungen einer hoch flexibilisierten (Großserien-) Produktion. Dafür braucht es digitale Technik – genauso wie für das Einbinden von Kunden und Geschäftspartnern in Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse. „Mit intelligenteren Monitoring- und Entscheidungsprozessen sollen Unternehmen und ganze Wertschöpfungsnetzwerke in nahezu Echtzeit gesteuert und optimiert werden können“, heißt es dazu aus dem Bundesministerium für Forschung und Technik.

Was war eigentlich „3.0“ bei der Digitalisierung?

Das hat nicht stattgefunden. Wurde mit dem beigefügten „2.0“ noch jener Fortschritt auf alle möglichen Dinge übertragen, den wir beim Wandel des Internet vom Übertragungsmedium zur Handlungsplattform erlebet haben, steht jetzt „4.0“ für die vierte industrielle Revolution. Dazwischen gibt es weder einen Übergang noch einen Zusammenhang.

Sind schon alle Unternehmen darauf eingestellt?

Nein. Die „18. Global CEO Survey“ der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) stellt fest, dass deutsche Manager im internationalen Vergleich deutlich skeptischer gegenüber dem Einsatz neuer Technologien sind. So sehen z. B. nur 48% der deutschen Manager sehen es als Aufgabe aller Mitarbeiter, digitale Innovationen in die Praxis umzusetzen; international sind es 75%. Außerdem haben 73% der Führungskräfte keine konkreten Pläne in Sachen Digitalisierung, nur 7% verfügen über eine digitale Strategie. Nur 13% glauben, dass ihr Unternehmen von der Entwicklung profitieren wird. Für die meisten Unternehmen stehen zudem Effizienzziele (44%) bzw. kostensenkende Effekte (46%) im Vordergrund, weniger die Erschließung neuer Kundenmärkte.

Welche Erfahrungen machen Unternehmen, die bei der Digitalisierung schon Fortschritte erzielt haben – und wie viele sind das?

Rund ein Drittel der Unternehmen in der deutschen Wirtschaft kann aktuell mit dem Attribut „auf Digitalisierung ausgerichtet“ versehen werden, ergab eine Studie des IW. „Das zeigt, dass viele Unternehmen für die kommenden Herausforderungen gerüstet sind“, sagt Oliver Stettes, Leiter des IW-Kompetenzfelds Arbeitsmarkt und Arbeitswelt. „Für alle anderen kann das ein Ansporn sein, nachzurüsten.“ Denn die Digitalisierung der Arbeitswelt ist nicht nur eine Herausforderung, sie bietet Unternehmen auch große Chancen. Das sehen offenbar die digital ausgerichteten Firmen auch so – sie sind laut Umfrage deutlich optimistischer, dass ihnen die Digitalisierung hilft, ihre Innovationskraft zu steigern und ihre Arbeitsorganisation zu flexibilisieren.

Gibt es eine Maßeinheit, um festzustellen, wie weit ein Unternehmen bei der Digitalisierung ist?

Das IW hat in seiner Studie folgende Werte definiert:
eher gering: mit 41,2 Prozent die größte Gruppe – und schon jetzt bei der Digitalisierung dem Wettbewerb hinterher
mittel: Internet ist sehr wichtig für Geschäftsaktivitäten oder Intensive Beschäftigung mit dem Thema Digitalisierung (26,9 Prozent)
hoch: Internet ist sehr wichtig für Geschäftsaktivitäten und Intensive Beschäftigung mit dem Thema Digitalisierung (18,1 Prozent)
sehr hoch: Befassung mit Digitalisierung in allen relevanten Funktionsbereich (außer F&E) oder Einsatz für alle Nutzungszwecke (außer Information, Kommunikation, Selbstdarstellung und Maschinenvernetzung) (10 Prozent)
frontier: Befassung mit Digitalisierung in allen relevanten Funktionsbereich (außer F&E) und Einsatz für alle Nutzungszwecke (außer Information, Kommunikation, Selbstdarstellung und Maschinenvernetzung) (3,8 Prozent)

In einem anderen Beitrag des randstadkorrespondent finden Sie Antworten zu den Folgen der Digitalisierung für die Personalarbeit. Dabei geht es um folgende Fragen. Welche Folgen hat die Digitalisierung der Wirtschaft für die Arbeitswelt? Was bedeutet die Digitalisierung für den einzelnen Beschäftigten konkret? Welche Folgen hat dies für die Personalarbeit? Wie werden die Personalabteilungen darauf reagieren? Wird das auch HR und Personalarbeit selbst verändern? Müssen sich Personalverantwortliche über neue Kompetenzen bei ihren Mitarbeitern kümmern? Bedeutet dies Umstellungen bei der Aus- und Weiterbildung?

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