Im zweiten Anlauf zum kleinen Einmaleins

15. Juni 2015

„Karisma“ oder „Charisma“? „Nummerieren“ oder „numerieren“? „Fobie“ oder „Phobie“? 19 Begriffspaare stehen auf dem Testbogen, drei Minuten haben die Kandidaten Zeit, sich für die richtige Schreibweise zu entscheiden. „Lösbar“ oder „unlösbar“ für die nächste Azubi-Generation

Hilfe „von Azubi zu Azubi“ kommt besser an

Eignungstests, die über das Erfassen von persönlichen Fähigkeiten und Vorlieben hinausgehen, sind daher quer durch Branchen und Betriebsgrößen zum Mittel der Wahl geworden, um entsprechende Schwächen frühzeitig zu erkennen. Oder um die Bewerber darauf vorzubereiten, dass sie sich auf diesem Feld bewähren müssen.

Die zitierte Aufgabe stammt aus einem kleinen Flyer „Fit für den Einstellungstest?“ Azubis der Sparkasse Hagen haben ihn zusammengestellt, damit sich die nächste Generation Auszubildender ein Bild über ihre Stärken und Schwächen machen und ihr Wissen testen kann. Auch einige Matheaufgaben sind dabei – und Schätzaufgaben, für die nur wenig Zeit bleibt. Denn manche Aufgaben seien „viel leichter, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Meist kann man die Lösung bereits im Ansatz erkennen.“

Frühzeitig Defizite erkennen

Indem das Unternehmen es Gleichaltrigen überlässt, diesen Aspekt des Ausbildungsverhältnisses zu kommunizieren, räumt sie eine Hürde aus dem Weg: Wer in der Schule den Lehrern nicht glauben wollte, dass das Beherrschen einiger Fächer wichtig fürs Leben ist, wird einen Appell unter Seinesgleichen eher akzeptieren. Gleichzeitig kommt die Sparkasse so frühzeitig möglichen Defiziten auf die Spur.

Auch das ist von Vorteil, wie das Info-Portal „Stark für Ausbildung“ betont, eine Gemeinschaftseinrichtung der Kammern für Industrie, Handel und Handwerk: „Grundsätzlich gilt die Regel: Je früher diese Lücken ausgeglichen werden, umso besser“, heißt es dort. „Je größer die Lücken werden, umso schwerer sind sie zu beheben. Wenn Auszubildende längere Zeit nur Misserfolge in der Berufsschule haben, werden Motivation und Selbstvertrauen so stark sinken, dass es unmöglich wird, die Lücken noch auszugleichen.“

Azubis helfen Azubis

Auf dem Portal finden sich auch nützliche Hinweise, woran Ausbilder erkennen, dass ihre Schützlinge Hilfestellung benötigen: „Anzeichen können z.B. eine ausgeprägte Unlust zum Berufsschulbesuch und Fehlzeiten in der Berufsschule sein. Ein guter Kontakt zur Berufsschule sowie eine laufende Kontrolle der Noten und der Berichtshefte können Ihnen helfen, diese Lücken rechtzeitig aufzudecken“, steht dort zu lesen – und: „Verlassen Sie sich besser nicht darauf, dass die Berufsschule sich bei entsprechenden Problemen meldet.“

Ähnliche Ansätze wie die Sparkasse Hagen verfolgen inzwischen eine ganze Reihe weiterer Unternehmen und Organisationen. In Mittelfranken hat die IHK Nürnberg mit „KollegenCoaching – Azubis für Azubis“ ein Projekt ins Leben gerufen, das ebenfalls Jugendliche mit Defiziten in der fachlichen und menschlichen Qualifikation über Ausbildungshürden bringt. Das Projekt basiert auf zwei Grundgedanken: „Der Starke hilft dem Schwächeren“ und „Unterstützung auf Augenhöhe“.

Auch klassische Nachhilfe bietet sich an

In acht ganztägigen Workshops trainiert die IHK in Kooperation mit dem BW Bildung und Wissen Verlag „KollegenCoaches“ und Ausbildungseinsteiger in jeweils eigenen Gruppen. Die Inhalte dieser Trainings reichen von Kommunikations- und Präsentationssicherheit über Lerntechniken bis hin zu Deutsch, Mathematik und Wirtschaft. Den ausbildenden Unternehmen entstehen dabei keine Kosten.

Das Projekt ist so angelegt, dass alle Beteiligten etwas davon haben: Schwächere Auszubildende erhalten durch ihren Mentor einen Ansprechpartner, mit dem sie auf Augenhöhe sprechen können. Die Mentoren übernehmen früh Verantwortung und lernen so wichtige Fähigkeiten, die sie im Verlauf ihrer Karriere auch für Führungspositionen nutzen können. Die Unternehmen schließlich können offene Ausbildungsstellen besser besetzen und so dem Fachkräftemangel entgegenwirken.

Klassische Nachhilfe als Option

Auszubildende ober Betriebe selbst haben auch die Option, klassische „Nachhilfe“ in Anspruch zu nehmen. Wobei sich die Situation für Jugendliche, die schon im Berufsleben stehen, anders darstellt als für Schüler. Dem praktischen Bedarf am nächsten kommen daher sicher Angebote von Organisationen, die sowieso schon im Aus- und Weiterbildungssektor tätig sind. Das Berufsförderzentrum (Bfz) Kassel zum Beispiel unterstützt Azubis aus dem kaufmännischen oder logistischen Bereich beim Erwerb ihres Berufsabschlusses durch gezielte Förderung in Kleingruppen, die aus rund fünf Teilnehmern bestehen. Durch die Nachhilfestunden im Bfz-Kassel werden die individuellen Probleme der Azubis analysiert und der jeweilige Unterrichtsstoff wiederholt oder erklärt. Die Kosten sind mit 15 Euro pro Unterrichtseinheit derzeit sehr überschaubar.

Noch eine Stufe vor der Bruchstelle „Schulwissen – Ausbildung“ setzen Initiativen, die schon bei der Entscheidung für einen bestimmten Ausbildungsgang ansetzen. Ihr Ziel ist es, eine Berufswahl vermeiden zu helfen, mit denen der einzelne Azubi aufgrund seiner Fähigkeiten überfordert ist. Besonders gefragt ist diese Hilfestellung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Erste Hilfestellung schon vor der Berufswahl

Die Wirtschaftsjunioren Osnabrück zum Beispiel arbeiten beim Projekt „Jugend stärken: 1000 Chancen“ mit dem Verein zur pädagogischen Arbeit mit Kindern aus Zuwandererfamilien (VPAK) zusammen. Gemeinsam unterstützen sie Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund bei der Orientierung für ihren Lebensweg nach der Schule. Dabei treffen sich Mitglieder der Wirtschaftsjunioren aus Osnabrück mit Schülerinnen und Schülern und analysierten mit ihnen die persönlichen Entwicklungsperspektiven. Gemeinsam sprechen sie auch über die individuellen Berufswünsche und über bisherige Arbeitserfahrungen aus Praktika.

Eine erste Veranstaltung wurde in drei Modulen durchgeführt, die sich rund um die Themen Bewerbungen, Vorstellungsgespräche und Berufsfelder mit ihren Anforderungen drehten. Die Schüler erhielten zu ihren Fragen ein persönliches Feedback und Tipps, wie sie ihre Motivation in Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen zum Ausdruck bringen. Durch die praxisnahen Ratschläge wachsen nun nicht nur die Chancen der Jugendlichen, durch ihre Bewerbungsmappen das Interesse von Personalverantwortlichen zu wecken – sondern diese auch im persönlichen Gespräch von ihren Fähigkeiten überzeugen.

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