Kolumne: Einfach für alle

30. November 2009

Seit ein paar Jahren hat sich ein Begriff aus der realen Welt in der Online"Welt breitgemacht: Barrierefreiheit. Doch was verbirgt sich dahinter? Modischer Trend? Staatliche verordnete Rücksichtnahme auf Behinderte im Netz? Korrektes soziales Verhalten? Viel mehr, als Sie denken. Unser Kolumnist Dominik Ruisinger, ausgewiesener Kenner des Internets und seiner Risiken und Nebenwirkungen, zeigt, warum Sie dieses Thema durchaus ernst nehmen sollten. Selbst, wenn Sie in Sehbehinderten nicht Ihre Zielgruppe sehen.

Wer Studenten als Praktikanten einstellen möchte, muss hinsichtlich der Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen einiges beachten. Grundsätzlich gilt, dass Beschäftigte, deren Arbeitsleistung entlohnt wird, sozialversicherungspflichtig sind. Es gibt jedoch Ausnahmen. Ausschlaggebend ist, welchem Zweck die Beschäftigung dient.

Handelt es sich bei einem Praktikanten beispielsweise um eine Beschäftigung im Rahmen eines Zwischenpraktikums, also als ein in der Studien- oder Prüfungsordnung vorgeschriebener Ausbildungsteil, besteht keine Sozialversicherungspflicht. Hier steht die Ausbildung im Vordergrund des Praktikums. Dabei gilt die Regelung unabhängig davon, ob dem Praktikanten ein Entgelt bezahlt wird oder nicht.

Anders verhält es sich, wenn der Praktikant vornehmlich im Unternehmen als Aushilfe eingestellt wird – der Ausbildungsaspekt also nicht im Vordergrund steht. In diesem Fall handelt es sich um eine abhängige Beschäftigung, die zur Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen verpflichtet.

Zuwiderhandlungen können negative Konsequenzen haben, die nicht nur eine Nachzahlung der noch offenen Beiträge zur Folge haben. Eine absichtlich falsche Deklarierung des tatsächlichen Beschäftigungsverhältnisses kann als Straftatbestand geahndet werden.
Die Sozialversicherungspflicht bei der Beschäftigung von Praktikanten ist allerdings ein sehr unübersichtliches Thema. Informationen und Unterstützung bieten hier die Krankenkassen oder die Handwerkskammern.

Der Begriff ist wirklich missverständlich: Barrierefreiheit. „Internet auf Krankenschein“ unken bis heute viele. Oder „blindengerechte Websites“. Zumindest diejenigen, die den Begriff auf seinen behindertenpolitischen Teilaspekt reduzieren. Was für ein Missverständnis! Wer dagegen das ursprüngliche „Accessibility“ zu Grunde legt, versteht gleich, dass die deutsche Übersetzung das Thema nur begrenzt interpretiert und dass sich hinter dem Begriff „Zugänglichkeit im Internet“ verbirgt. Und geht uns diese nicht alle an?

Blicken wir ein paar Jahre zurück: Im Juli des Jahres 2002 wird in der barrierefreien Informationstechnik-Verordnung das Diskriminierungsverbot auf die elektronischen Medien übertragen. Bis Ende 2005 waren bundesdeutsche Behörden verpflichtet, ihre Seiten barrierefrei zu gestalten. Sind diese heute behindertenpolitisch-korrekte, aber design-feindliche Gebilde? Nein, keineswegs.

Denn Accessibility meint einen Prozess, der allen Menschen bessere Zugangschancen zu Online-Angeboten gewährt. Und „alle“ bedeutet: mit allen Browsern, Monitorgrößen, Endgeräten, Hard- und Software-Versionen, Ausgabeformen inklusive individueller Einschränkungen. Vieles wird bereits eine Website erfüllen, die auf Usability – also Benutzerfreundlichkeit – getrimmt ist. Doch Barrierefreiheit geht über klare Texte, einfache Nutzerführung, verständliche Navigation hinaus. Barrierefreiheit stellt sich der Herausforderung, wirklich allen den uneingeschränkten Websitezugang zu bewilligen. Und nicht nur Menschen mit körperlichen Behinderungen.

Was ist mit den Leseschwachen und den Rot-Grün-Blinden? Letzteres betrifft bei Männern jeden Zehnten. Was ist mit älteren Menschen? Ab 40 Jahren nimmt die Sehkraft bei jedem ab. Was ist mit Usern, die auf kleineren Displays surfen? Sie wollen doch auch die Blackberry- und iPhone-Generation erreichen. Und was ist mit unserem blinden Freund namens Google? Der liebt barrierearme Seiten ganz besonders. Und wollen wir nicht alle in unserem tiefen Herzen von ihm geliebt werden? Also neben Political Correctness, sozialem Engagement, Reichweitenmaximierung auch noch Suchmaschinenoptimierung?

Sie merken schon: Barrierefreiheit geht uns alle an, um Besucher auf unsere Seiten zu locken, zu binden, zu begeistern und zur Rückkehr zu bewegen. Mehr Reichweite – mehr Besucher – mehr Leser –- mehr Käufer: Wer sollte da „nein“ sagen?

Barrierefrei? Ausprobieren!

Testen Sie anhand der 12 Kriterien, wie barrierefrei Ihre Webseite ist:
www.biene-award.de/award/kriterien

1. Lässt sich die Schriftgröße skalieren?
2. Lässt die Suchfunktion (Tipp-)Fehler zu?
3. Passt sich Ihr Design fehlerfrei der Monitorgröße an?
4. Verzichten Sie auf Rot-Grün-Kombinationen?
5. Setzen Sie auf klare farbliche Kontraste?
6. Texten Sie kurze Sätze und kompakte Absätze?
7. Erklären Sie Fachbegriffe und Fremdwörter?
8. Lassen sich ohne Informationsverlust Bilder ausschalten?
9. Sind alle Bilder mit Alternativtexten hinterlegt?
10. Haben Sie Töne und andere akustische Signale mit Texten versehen?
11. Ist die Navigation textbasiert – und nicht bildbasiert?
12. Wird Ihre Seite bei höchster Sicherheitsstufe korrekt geladen?

Information

Deutscher Wettbewerb für barrierefreie Webgestaltung
www.biene-award.de

Initiative für ein barrierefreies Internet (Aktion Mensch)
www.einfach-fuer-alle.de

Informationspool der internationalen Web Accessibility Initiative
www.w3.org/WAI

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