Lernen oder Liken?

12. Oktober 2015

„Social Learning“ gewinnt Oberwasser und einen neuen Beiklang in der Weiterbildung, seit sich das E-Learning auf ein breiteres Fundament stellt. Denn manche Methode und mancher Ansatz der Social Media scheinen gut geeignet, um Lerninhalte attraktiv zu verpacken.

Elektronische Multiplikation macht Lerninhalte besser wahrnehmbar

  • Innerbetrieblicher Wissens- und Erfahrungsaustausch gewinnen mit Methoden der Social Media an Attraktivität und Dynamik.
  • „Sozial“ bedeutet auch, dass nicht jeder einzelne alles lernen muss, sondern die Inhalte den Talenten entsprechend über eine Organisation hinweg verteilt und geteilt werden.
  • Elektronisch erzeugte Vielfalt und Flexibilität erhöhen die Akzeptanz von Lerninhalten und erleichtern den Dialog unter den Lernenden.

Der erste grundlegende Wandel im Dialog zwischen Unternehmen und Mitarbeitern hat sich im Intranet vollzogen. Seit dort aus einspurigen Ansagen der Chefetage ein Dialogmedium geworden ist, das allen Betriebsangehörigen offen steht, ist aus dem „Schwarzen Loch am Schwarzen Brett“ ein buntes Universum geworden. Manche Unternehmen und Organisationen haben sogar mit den Methoden aus den bekannten Plattformen aus dem Internet eigenständige „Social Intra Media“ geschaffen, die auch private Informationen und individuelle Wissensweitergabe unterstützen.

Vorbilder beobachten macht schlauer

Inzwischen hat die Komponente „Social“ auch die Weiterbildung erreicht. Was mit E- oder Computer Based Learning begann, sich ins „Blended Learning“ verwandelte – also die Mischung aus Präsenz- und E-Learning – ist mittlerweile beim „Social Learning“ angekommen. Ein Name, der daher rührt, dass sich das Lernen der „Social Media“ bedient. Die grundlegende Theorie datiert schon aus dem Vor-Online-Zeitalter. Sie geht auf den kanadischen Psychologen Albert Bandura zurück.

Demnach erfolgt nicht alles Lernen durch direkte Einflussnahme der Lernenden; viele individuelle Entwicklungen ergäben sich aus der indirekten Beeinflussung, zum Beispiel durch persönliche Vorbilder oder einfach durch das Beobachten anderer. Banduras Theorie erwies sich nicht zuletzt deshalb als erfolgreich für die berufliche Weiterbildung, weil sie erstens davon Abstand nimmt, jedem Einzelnen „Alles“ direkt vermitteln zu müssen und zweitens die Grundlage für das „lernende Unternehmen“ schafft.

Zusätzliche Kanäle für Lerninhalte

Vorbilder und Beobachtungen, wie der Psychologe sie anspricht, sind heutzutage viel einfacher zu erreichen denn je. Die elektronische Multiplikation und jederzeitige, auch mobile Abrufbarkeit haben die Bandbreite und Frequenz möglicher sozialer Einflüsse erhöht. Das mag grundsätzlich zur Belastung werden, weil damit auch ein Mehrfaches an Risiken durch unkontrollierbare Einflüsse entsteht. Gleichzeitig gewinnen aber auch die Vermittler von Lerninhalten zusätzliche Gelegenheiten, ihre Botschaft zu verbreiten und, im Idealfall, zu kanalisieren. Die rapide wachsende Zahl an Lehr- und Lernvideos jedenfalls, die im Internet verfügbar sind, spricht für die Wirksamkeit der Onlinemedien. Es liegt auf der Hand, sie gezielt für fortschrittliche Weiterbildungskonzepte zu nutzen.

Dabei ist es übrigens vollkommen irrelevant, ob „Social Learning“ sich der „Social Media“ bedient. Zwar erweitern Form und Methoden von Facebook & Co. die Bereitschaft, in diesem Umfeld oder unter vergleichbaren Bedingungen Lerninhalte zu akzeptieren. Doch spätestens dann, wenn es bei der Zufälligkeit oder Beliebigkeit der „Shares“ und „Likes“ bleibt, wie sie dort üblich sind, kann sich ein Weiterbildungs-Anbieter nicht mehr sicher sein, alle gewünschten Adressaten mit allen gewünschten Inhalten zu erreichen. Der Wissenschaftler und Lehr-Stratege Tom Spiglanin geht sogar so weit, dass er ein begleitendes Medium zum Lernen über „Social Media“ empfiehlt, „das nicht unbedingt online sein muss“.

Social Learning bringt Individualisten zum Netzwerken

Eine andere Frage ist die, ob sich das Angebot einer Art „Lern-Darwinismus“ stellen will: Es überleben nur jene Informationen, die im Wettbewerb um die Gunst der User gewinnen. Der Rest fällt unter den Tisch. Personalentwickler hätten damit wenigstens eines gewonnen, nämlich eine realistische Erkenntnis darüber, was bei ihrer Kundschaft ankommt und was nicht. Dies entspräche sogar einem der Prinzipien des klassischen „Social Learning“, das motivierende Belohnung vorsieht, wenn die Nachahmung des Vorgelebten gelingt – oder eben Bestrafungen, wenn dies nicht geschieht.

Der entsprechende Ansporn, vermittelte Inhalte aufzugreifen und zu übernehmen, ist mit den gruppendynamischen Mitteln der „Social Media“ leichter und häufiger zu erreichen, wie entsprechende Kampagnen z.B. bei gesellschaftlichen Themen zeigen. Gleichermaßen sind aber auch Fehlentwicklungen möglich, wenn eine Mehrheit ihre Ablehnung sichtbar macht und so Unentschlossene verunsichert oder abschreckt, z.B. durch einen „Shitstorm“.

Virtuell erlebte Gemeinsamkeiten als Lernmotivation

Der wahre Vorteil des „Neuen Social Learning“ liegt nun darin, dass individuelles Lernen nicht mehr automatisch einsames Lernen bedeutet. Das entsprechende Stichwort heißt MOOC – Massive Open Online Course, also ein offenes Lernen via Internet mit unbegrenztem Zugang. Den Gedanken dahinter hat Georg Siemens formuliert, ebenfalls ein kanadischer Wissenschaftler: „Ein Netzwerk von Individualisten weiß mehr als ein einzelner Individualist.“ Es spricht die in uns wohnende Sehnsucht nach Gemeinsamkeit an, indem es – zum Beispiel über organisatorische oder sogar Firmengrenzen hinaus – virtuelle Gruppen entstehen lässt, die sich den gleichen Stoff aneignen.
Die Einladung an jeden einzelnen Teilnehmer, sein Wissen und seine Fragen über verschiedene Themen und Plattformen ganzheitlich einzubringen, bietet einen größeren Anreiz zur Teilnahme als segmentierte Ansprache und Schulung. Von großer Tragweite wird das Thema daher überall dort, wo nicht nur das gemeinsame Lernen auf neue Füße gestellt werden soll, sondern auch das gemeinsame Arbeiten – Stichwort „Collaboration“.

Spielerische Elemente erhöhen die Akzeptanz

Lernpsychologen sehen hier einen Verstärkungseffekt aus der gemeinschaftlichen Nutzung eines Lernraums, den das Internet generiert. Während der Lernende gleichzeitig stärker in den Mittelpunkt rückt, sich als Herr des Geschehens fühlt. Daraus wüchsen eine stärkere Bereitschaft zu einem Wettbewerb ohne Gegnerschaft sowie die Unmittelbarkeit von Anerkennung, die sich die Teilnehmer gegenseitig geben. Nicht von ungefähr spielt in diesem Umfeld die Integration spielerischer Elemente, die „Gamification“, eine tragende Rolle.

Ein Aspekt der Individualisierung des gemeinschaftlichen Lernens bedarf besonderer Aufmerksamkeit der Anbieter von Lerninhalten bzw. bei den Personalverantwortlichen, die ihre Mitarbeiter auf diesem Weg fördern wollen. Social Learning ist begleitet von der persönlich geprägten Liste an Beratern und Experten, denen Lernende vertrauen und die sie bei Bedarf zu Rate ziehen. Auch diese Ressource ist nur eingeschränkt steuer- und kontrollierbar. Umso wichtiger ist es, dass die vom „Lehrer“ angebotenen Quellen und Instruktoren nicht nur mit fachlicher, sondern auch mit emotionaler Kompetenz überzeugen. So bekommen sie die nötigen „Likes“, um von einer Zufallsbekanntschaft zu einem sozial akzeptierten, dauerhaften Wegbegleiter zu werden.

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