Lernraum verliert Wände und gewinnt Dimension

12. Oktober 2017

Hochschule oder Firma: Wo Wissen vermittelt wird, braucht es mehr Platz für Dialog, Veränderung, Flexibilität. Das krempelt die Ausstattung von Lernräumen um, die sich gleichzeitig ins Digitale ausdehnen.

  • Fließende Lernprozesse stellen in jeder Phase unterschiedliche Anforderungen an den Raum, in dem sie stattfinden
  • Wissenstransfer fließt stärker in „Active Classrooms“, die der aktuellen Lehrsituation angepasst werden
  • Ein moderner Lernraum muss in unterschiedlichsten Modi funktionieren und dabei Kommunikation und Collaboration gleichermaßen unterstützen

Es heißt Abschied nehmen – und das gleich doppelt. Erstens: Den archetypischen „Lernraum“ gibt es nicht mehr. Vorne das Katheder des Lehrenden, gegenüber die Pulte der Belehrten, das taugt in fortschrittlichen Wirt- und Gesellschaften bestenfalls noch zur romantischen Verklärung mittels „Feuerzangenbowle“. Zweitens: Selbst die neue, dialogorientierte Form des Lernraums steht vor einer zumindest teilweisen Ablösung durch ihre digitale, virtuelle Entsprechung. Physische Anwesenheit am gemeinsamen Lernort ist in unserer Welt nicht mehr notwendige Voraussetzung für den erfolgreichen Transfer und Austausch von Wissen.

Raum zur Entfaltung fehlt

Zumindest im ersten Punkt besteht weitreichend Konsens. In einer Auseinandersetzung mit der heutigen Qualität von Hochschulen für Studierende definierte Sean Corcorran, General Manager von Steelcase Education und Experte für Lernraum-Design, drei Felder, die für die erfolgreiche Ausbildung und Lehre von zentraler Bedeutung sind:

  • Der Aufbau von Wissen
  • Die Aneignung praktischer Fähigkeiten wie Kollaboration, Kommunikation, kritisches Denken und Kreativität
  • Die Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit

„Häufig setzen Universitäten zu sehr auf nur einen dieser Bereiche, wenn zum Beispiel in Frontalvorlesungen nur Fachwissen vermittelt wird, ohne Wert auf praktische Fähigkeiten zu legen und ohne den Studierenden Raum für die persönliche Entfaltung zu geben“, sagte Corcorran. „Nehmen wir zum Beispiel Kreativität: Der kreative Prozess besteht aus drei Teilen – Denken, Machen, Teilen. Dies ist ein fließender Prozess, der in jeder Phase unterschiedliche Anforderungen an den Raum stellt – unser Unterricht heute passt sich aber immer noch dem Raum an, in dem er stattfindet.“

Raum soll sich an Lehrsituation anpassen

Sean Corcorran leitet daraus die These ab: „Der Vorlesungssaal, wie wir ihn kennen, das große Audimax, das es noch an fast jeder Universität gibt, wird früher oder später aussterben, weil es modernen Anforderungen an den universitären Erfolg nicht mehr gerecht wird.“ Alternative seien „Active Classrooms“, flexible Räume, die der aktuellen Lehrsituation angepasst werden können – ein Bedarf, der nicht nur an Hochschulen besteht, sondern dem sich auch jedes Unternehmen bei der Aus- und Fortbildung seiner Mitarbeiter gegenübersieht, weil sich die Form der Wissensvermittlung grundlegend gewandelt hat. Corcorran: „Vorlesungssäle hatten von Anfang an einen Zweck und nur einen Modus: Einer spricht und vermittelt Wissen, die anderen hören zu und nehmen es auf. Ein moderner Lernraum muss in verschiedenen Modi funktionieren, egal ob ich den Studierenden einen Vortrag halten will, ob praktische Arbeit und Kollaboration gefragt ist, oder ob die Situation Recherche und Forschung voraussetzt.“ So fügt sich das Konzept nahtlos ein in die Prinzipien des lebenslangen Lernens und des lernenden Unternehmens.

„Blended Learning“ breitet sich aus

Womit die logische Brücke dorthin geschlagen ist, wo Lernräume nur noch virtuelle Mauern und Sitzplätze haben – in der digitalisierten Lernumgebung, unter dem Schirm des „Blended Learning“, das Lernen online mit Lernen offline verbindet. Es gibt Räume für Präsenzlernen an der Hochschule und Räume fürs Distanzlernen, in die sich Studierende von überall her begeben. Einfaches Beispiel: Fast alle deutschen Fachhochschulen und Universitäten haben inzwischen Lernräume auf der Plattform „Moodle“ eingerichtet. Dort stellen einerseits Lehrende die jeweils benötigten Lehrmaterialien bereit und kommunizieren mit ihren Studierenden. Andererseits arbeiten Studierende dort in Gruppen miteinander und reichen Arbeitsergebnisse online ein.

Lernraum wird für den Monitor gestaltet

Wer sich Gedanken über digitales Lernraum-Design macht, braucht zwar keine Möbel mehr zu rücken. Dafür aber sind anwender- und lernfreundliche Nutzeroberflächen und Strukturen gefragt. Ein „responsive design“ der am Bildschirm angezeigten Inhalte zum Beispiel ist in den Moodles inzwischen genauso Standard wie bei Social Media. Mitunter finden sich auch schon Verknüpfungen zwischen beiden Formaten, wie man es beim „Digitalen Lernraum“ des Spitzenverbands Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) sieht.

Experimentieren statt Repetieren

Oder am „Microsoft Learning Hub“, den der Software-Hersteller in seinem Wiener Büro eingerichtet hat, um Lehrende ein Gefühl für die neue Form der Wissensvermittlung zu geben. Franz Kühmayer, Geschäftsführender Gesellschafter des österreichischen Consultingunternehmens KSPM und Trendforscher am Zukunftsinstitut, formulierte in einem Kommentar zur Eröffnung des Hub denn auch eine neue Grundregel, die nicht nur auf Schulen, sondern auch auf die Lernräume in Unternehmen anzuwenden ist: „Das Klassenzimmer der Zukunft ist ein inspirierender, anregender Ort, der nicht das Erlernen und Wiederholen bestehenden Wissens in den Mittelpunkt rückt, sondern das neugierige Experimentieren und Erproben von Neuem. Es ist weniger ein Lernzimmer als eher ein Design-Thinking-Innovation-Lab.“

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