„Lobende Worte“ bleiben erlaubt

24. Juni 2013

Spielregeln lernen wir bereits im Kindergarten. In jeder Gemeinschaft werden Richtlinien zur Orientierung benötigt, um ein funktionierendes Zusammenleben zu ermöglichen. Unternehmen aller Größen sind heute gefordert, im Zuge von „Compliance“ sich selbst solche Codices zu geben. Ein Thema, bei dem Personalverantwortliche zusätzlich gefordert sind.

"Lobende Worte" bleiben erlaubt

Die Pressemitteilung vom 30. November 2012 war kurz und emotionslos: „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtreinigung Hamburg (SRH) dürfen von Kunden und Lieferanten keine Geldgeschenke annehmen“, hieß es da. „Die Annahme gutgemeinter Trinkgelder wird daher auch in der Vorweihnachtszeit von den Mitarbeitern der Stadtreinigung in jedem Fall und unabhängig vom Betrag abgelehnt.“

Trinkgeld schon zu viel des Guten?

Hoppla? Von wegen: Weihnachten, das Fest des Friedens und der Liebe? Wenn man die dürren Worte aus dem Stadtreinigungsamt liest, hört sich das eher nach Anlass für Stolperfallen und Fehltritte an. „Viele Kunden wollen sich in der Vorweihnachtszeit zum Beispiel bei den Mitarbeitern der Müllabfuhr für die zuverlässige Arbeit mit einem Trinkgeld bedanken. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im öffentlichen Dienst dürfen für ihre Tätigkeit keine Geldgeschenke annehmen“, erklärte SRH-Geschäftsführer Dr. Rüdiger Siechau.

Er bat die Kunden, die Stadtreiniger „nicht in die Verlegenheit zu bringen, Trinkgelder ablehnen zu müssen“. Es sei vielmehr so, dass nicht nur die Männer der Müllabfuhr sondern alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gern und mit vollem Einsatz für ihre Hamburger Kunden arbeiteten. „Ein freundliches Dankeschön und ein paar lobende Worte sind als Ansporn und Aufmunterung stets ausreichend und immer willkommen." Ende der Durchsage.

Ethisches Verhalten bekommt Regeln

Derartige neue Regeln zwischen Privatkunden und Dienstleistern sind noch vergleichsweise selten. Im Geschäftsleben dagegen sind sie inzwischen Standard. Während sich Unternehmen in der Vergangenheit vor allem darüber den Kopf zerbrachen, was sie Partnern und Kunden schenken sollten, lautet die Frage heute: ob überhaupt und wenn, wie viel es kosten darf. Das hat weniger mit schwindenden Mitteln und Sparzwängen zu tun, sondern mit der wachsenden Bedeutung ethischen Verhaltens im Wirtschaftsleben, abstrakt unter dem Begriff „compliance“ zusammengefasst. Lesen Sie dazu auch den Artikel „Wissen kompakt“.

Die aus dem angelsächsischen Kulturkreis übernommene Bezeichnung steht grundsätzlich für die Einhaltung aller relevanten Rechtsnormen durch das Unternehmen und seine Angestellten. Entsprechend formulierte Grundsätze beschreiben für jede Firma alle Maßnahmen zur Gewährleistung von Regelkonformität sowie die Reaktion auf Regelverstöße. Dass das Thema überhaupt hochkocht, hat drei Gründe.

Schlimme Folgen kleiner Sünden

Erstens die Globalisierung der Wirtschaft: Weil jedes Unternehmen direkt oder indirekt mit Partnern aus anderen internationalen Rechtsräumen verknüpft ist, genügt es nicht mehr, nur die nationalen Gesetze und Vorschriften zu beachten. „Compliance“ ist grenzüberschreitend – und, den kulturellen Unterschieden entsprechend, komplex.

Da gibt es Kulturkreise, in denen ohne die Tätigkeit von „Beratern“ gar nichts geht, deren Leistung zwar kostbar, aber nicht messbar ist. Wer trotzdem, fern der Heimat scheinbar unbemerkt, dagegen verstößt, riskiert viel mehr als nur Erpressbarkeit: Zum Beispiel den längerfristigen Ausschluss von öffentlichen Aufträgen im Land des Verstoßes, aber auch in Drittländern, die alle Sünden ahnden, auch wenn sie außerhalb ihres Territoriums erfolgen.

Abschied vom Kavaliersdelikt

Zweitens ist da die allgemeine Ächtung vermeintlicher „Kavaliersdelikte“: Insbesondere Bestechung und Bestechlichkeit stehen heute ganz oben auf der Liste von Verhaltensweisen, die schädlich für das einzelne Unternehmen, aber auch für die ganze Wirtschaft und Gesellschaft sind. Wenn auch Anspruch und Wirklichkeit, wiederum abhängig vom Kulturkreis, mitunter weit auseinander klaffen, dienen bedarfsweise einschlägige Verfehlungen als willkommener Grund, Unternehmen aus dem Wettbewerb zu werfen und vor den Kadi zu ziehen. Dabei ist es, wie zahlreiche Vorfälle in jüngster Zeit zeigen, längst gleichgültig, ob ein ganzes Unternehmen oder ein einzelner Mitarbeiter korrumpierbar war oder selbst korrumpiert hat.

Verpfeifen oder Warnsignale geben?

Drittens wird die Wettbewerbsungleichheit zwischen ethisch korrekt handelnden Firmen und Mitarbeitern und solchen, die sich die Regeln zurechtbiegen, zunehmend öffentlich wahrgenommen und ausgefochten. Die wachsende Transparenz durch neue Kommunikationskanäle (Wiki-Leaks und Co.), die gestärkte Position von „Whistleblowern“ sowie eine größere Bereitschaft ehemaliger Partner, Kunden oder Mitarbeiter, nach einer Trennung echtes oder vermeintliches Unrecht nachzukarten, schafft hier ganz neue Konfliktfelder. Zumal die Rechtsprechung inzwischen einem rigiden Kurs folgt, wenn es Verstöße zu ahnden gilt – rigide gleich „teuer“.

Unterm Strich bedeuten alle drei Faktoren, dass ein Unternehmen, ganz abgesehen von seiner ethischen Einstellung, die ökonomische Seite von „Compliance“ zu bilanzieren hat. Das entbehrt insofern nicht einer gewissen Ironie, als es ausgerechnet große Bilanzfälschungsskandale waren, die vor einigen Jahren erstmals in den USA dazu führten, dass die Öffentlichkeit nach einem Kodex für ehrenwertes unternehmerisches Handeln verlangte.

Unternehmen profitieren von Compliance-Regeln und -Beauftragten

Die auf die Skandale folgende vermehrte Aufmerksamkeit führte bald auch außerhalb der Vereinigten Staaten dazu, dass vermehrt prominente Fälle von Rechtsverstößen durch Unternehmen bekannt wurden. Neben klassischen Fällen von Korruption und Kartellverstößen sind auch zahlreiche Verletzungen etwa des Datenschutzrechts publik geworden. Die aus der Aufdeckung solcher Verstöße resultierenden Imageverluste der betroffenen Unternehmen bei Kunden und Geschäftspartner haben schwere Schäden in den Bilanzen angerichtet, bei einigen die Existenz gefährdet oder gar vernichtet.


Hochkomplexes Aufgabenprofil



Um diesem Risiko vorzubeugen, bedarf es im Unternehmen einer starken und effizienten Compliance-Organisation. Ist eine solche Organisation richtig zugeschnitten, so ist ihr Nutzen immens, während die Kosten hingegen überschaubar bleiben. Dass es vielen Unternehmen schwerfällt, ein effizientes Compliance-System zu etablieren, liegt nicht zuletzt am hochkomplexen Aufgabenprofil, mit dem Führungskräfte in diesem Bereich konfrontiert sind. Lesen Sie dazu auch den Artikel Compliance „verstehen, akzeptieren und leben“.

Neben dem grundlegenden rechtlichen Wissen werden umfassende Führungskompetenzen ebenso verlangt wie etwa die Fähigkeit, Geschäftsvorgänge mit praktischer Vernunft zu interpretieren und zu gestalten. Diesem Bündel an Herausforderungen erfolgreich zu begegnen, ist ohne eine fundierte und auf die Aufgaben passgenau zugeschnittene Ausbildung kaum möglich. Inzwischen stehen einschlägige Seminare und Kurse fest auf dem Programm deutscher Wirtschaftsfakultäten.

Regeln für Whistleblowing und seine Folgen

Auch Personalabteilungen stehen vor einer neuen Herausforderung: Gerade wenn ein Unternehmen zum „Whistleblowing“ einlädt oder einen Kanal dafür einrichtet, ist maximales Fingerspitzengefühl gefragt. Dazu kommen weiterführende ethische Überlegungen: Ist Whistleblowing tatsächlich Denunziantentum oder gehört es zur Pflicht eines guten Arbeitnehmers, derartige Verstöße zu melden?

In welchen Formen kann das „Verpfeifen“ erfolgen und was sind die Unterschiede zwischen internem und externem Whistleblowing? Denn das Melden von Verstößen der eigenen Kolleginnen und Kollegen hat häufig einen unangenehmen Beigeschmack. Insbesondere die Folgen bei unberechtigten oder böswilligen Meldungen sind kritisch zu sehen. Der Umgang damit genauso wie die folgenden Sanktionen müssen – vergleichbar mit dem üblichen Abmahnkatalog – klar und verlässlich geregelt sein.

Eigenen Beauftragten installieren

Ideal ist es, wenn ein Ansprechpartner für Korruption, ein sogenannter Compliance-Beauftragter im Unternehmen vorhanden ist. Dieser kann mit der Geschäftsleitung klare Regeln aufstellen, an denen sich Mitarbeiter orientieren können und steht im Zweifel beratend zur Seite.

Und wie sieht nun die goldene Regel bei den Geschenken aus? Wo liegt die Obergrenze für deren Wert, damit die gut gemeinte Geste nicht als Bestechung auslegbar ist? Gesetzliche Vorgaben oder Wertgrenzen, ab wann ein Geschenk als Korruption gilt, gibt es nicht. Erfahrene Compliance-Berater raten, im Zweifelsfall die „Schnitzel-Regel“ zu befolgen: Ein einfaches Tellergericht im normalen Gasthof gilt in der Regel als zulässig und unverdächtig. Das Glas Wein dazu aber könnte den Bestechungs-Tropfen schon zum Überlaufen bringen …

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