Mit Disziplin und Mut von der Langzeitarbeitslosigkeit auf die Bühne

Langzeitarbeitslose zeigen sich bei einem ungewöhnlichen Projekt nicht nur Schillers Theaterkunst gewachsen, sondern demonstrieren Fähigkeiten, die im Arbeitsleben zählen.

  • Rückkehr ins Arbeitsleben braucht starke Impulse
  • JobAct® Family-Projekt weckt über Theaterarbeit den Mut zum Wiedereinstieg
  • randstad stiftung fördert Projekt

„Wie kann man Menschen in die Lern- und Arbeitswelt integrieren, die diese nach einer Auszeit wieder mitgestalten wollen?“ Dies ist eine der zentralen Fragen, mit denen sich die randstad stiftung auseinandersetzt. Die Antworten darauf liefern Projekte im Themenfeld „Berufswege & Bildungschancen“ – angestoßen oder gefördert von der Stiftung.

Schauspieler auf Zeit

Jüngstes Beispiel ist das JobAct® Family-Projekt, das mit Förderung der randstad stiftung nun in Kaiserslautern im wahrsten Sinn des Wortes seine Bühne fand. Als Schauspieler auf Zeit haben dort 15 alleinerziehende Langzeitarbeitslose – allesamt Frauen – eine Inszenierung von Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ erarbeitet. Am 9. Juni 2016 feierten sie Premiere in der Fruchthalle Kaiserslautern vor rund 80 begeisterten Zuschauern.

Kompetenzen für den Arbeitsmarkt

In sechs Monaten intensiver Probenzeit haben sie Schillers Sprache und die Methode des chorischen Theaters gemeistert. Zugleich haben sie sich in Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit und Kreativität geübt - Kompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Eine der Herausforderungen des Projekts bestand darin, dass für alle erst einmal Einrichtungen zur Betreuung der Kinder gefunden werden mussten. Begleitet wurde die erste Projektphase von Bewerbungstrainings und Coachings. Nun geht es für die Projektteilnehmer ins Betriebspraktikum.

Mut und Teamgeist gezeigt

Es ist bewundernswert, welche Leistung jede einzelne Teilnehmerin in diesem Projekt erbracht hat“, sagte Jürgen Fritz zum Abschluss der ersten Projektphase. Er leitet das Projekt im Namen des Sozialunternehmens „Projektfabrik“, das die Federführung innehat. „Man muss sich das vorstellen: Aus einer - mehrheitlich langjährigen - Arbeitslosigkeit heraus kommt man in ein Projekt, dessen wesentlicher Bestandteil ein Theaterauftritt auf der größten Bühne der Stadt ist - ohne jegliche Vorerfahrung in diesem Bereich. Das erfordert Mut, Teamarbeit, die Übernahme von Verantwortung, Verbindlichkeit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.“

Neue Perspektiven für Leben und Arbeit

Lange Arbeitslosigkeit, fehlende Schulabschlüsse oder existentielle Brüche im Leben erschweren häufig massiv den Wiedereinstieg in die Lern- und Arbeitswelt. Um Betroffenen zu helfen, das Leben wieder stärker in die eigene Hand zu nehmen, bietet „Projektfabrik“ seit 2005 ein außergewöhnliches Konzept. Mit theaterpädagogischen Mitteln erarbeiten sich die Teilnehmer neue Perspektiven für eine selbstbestimmte Berufs- und Lebensführung. „JobAct®-Projekte“ gliedern sich in zwei Phasen und dauern jeweils zehn bis zwölf Monate.

Erste Phase führt auf die Bühne

So läuft das Projekt ab: In der ersten Phase stärken die arbeitssuchenden Teilnehmer ihr Selbstbewusstsein und ihre Eigeninitiative. An vier Wochentagen entwickeln sie ein Bühnenstück von der Inszenierungsidee bis zur Premiere. Die komplexen Abläufe im Theaterbetrieb schaffen bei den JobAct®-Projektteilnehmern Distanz zu ihrer persönlichen Lebenssituation. Als „Theatermacher“ beschäftigen sie sich intensiv mit fremden Stoffen und erproben verschiedene Rollen. So verarbeiten sie Krisensituationen künstlerisch und entwickeln mögliche Lösungswege: auf physischer, sprachlicher und emotionaler Ebene. Begleitet werden sie von einem Theaterpädagogen, der ihnen Handwerk, Kunst und Organisation des Theaters vermittelt. Ergänzend absolvieren die JobAct®-Teilnehmer an einem Tag pro Woche ein intensives Bewerbungstraining und -management.

Zweite Phase führt in den Arbeitsalltag

Die zweite Phase will positive Erfahrungen in der Arbeitswelt ermöglichen und einen Überblick über Berufsperspektiven und potentielle Arbeitsplätze geben. Die Projektteilnehmer sind an vier Wochentagen als Praktikanten in einem Unternehmen tätig. Im Arbeitsalltag setzen sie ihre erworbenen Qualifikationen ein und entwickeln diese weiter. An einem Seminartag pro Woche arbeiten die Teilnehmer ihre Erlebnisse künstlerisch auf. Der Seminartag hilft, die Erfahrungen aus der ersten Phase in die Lern- und Arbeitswelt zu übertragen.

„Beispielhaftes Projekt“

„Die Erfolgsquote der Projektfabrik bei der (Re-)Integration in die Lern- und Arbeitswelt liegt bei bis zu 75 Prozent“, berichtet Heinz Otto Mezger, Vorstand der randstad stiftung. „Das ist ein sehr beeindruckender Wert.“ Auch ihn hat begeistert, mit welcher Dynamik und welchem wiedergewonnenen Selbstbewusstsein die 15 Frauen ihre Aufgabe angegangen haben: „Sie haben eine neue Arbeitsform für sich erschlossen, sind neue Berufswege gegangen und haben neue Anerkennung erfahren. Aus Sicht unserer Stiftung, die Menschen nach einer Auszeit die Türen zu einem aktiven Arbeitsleben öffnen will, ist dieses Projekt beispielhaft und wegweisend.“