Persönlich: Cemile Giousouf

25. Januar 2016

Cemile Giousouf ist die Integrationsbeauftragte der CDU/CSU-Fraktion. Sie ist in Leverkusen geboren und studierte nach dem Abitur Politikwissenschaften in Bonn.

Sprache ist für Integration unerlässlich

Die erste CDU- Abgeordnete muslimischen Glaubens zog über die Landesliste NRW bei der letzten Bundestagswahl in den Bundestag ein. Sie ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung und stellvertretendes Mitglied des Innenausschusses.

Frau Giousouf, Sie fordern schon lange im Gegensatz zu vielen Ihrer Partei­kolleginnen und Parteikollegen ein Einwanderungsgesetz. Warum?

Cemile Giousouf: Unsere Einwanderungswege nach Deutschland sind nach Aussage von Experten sehr liberal und wir haben gute Instrumente entwickelt. Aber dennoch haben wir bislang nicht die Fachkräfte bekommen, die wir in den Mangelberufen händeringend brauchen. Die Gesetzeslage ist oft unübersichtlich und die Informationswege sind schlecht. Deswegen unterstütze ich unseren Generalsekretär Dr. Peter Tauber in dieser Diskussion. Wir konkurrieren mit Ländern wie der USA, Kanada und Australien, die schon aufgrund der englischen Sprache Wettbewerbsvorteile haben. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Strukturen, die wir haben, einfacher und verständlicher gestalten und Einwanderer begleiten, sobald sie sich für unser Land entscheiden.

Es gibt Interviews von Ihnen, in denen Sie sich selbst als Gastarbeiterkind bezeichnen. Was ist Ihre Intention dieser Wortwahl und fängt Integration nicht schon bei der Sprache an? Ihre Gesprächspartner würden, so behaupte ich, niemals darüber nachdenken, dieses Wort im Zusammenhang mit Ihrer Biografie zu nennen.

Cemile Giousouf: Meine Herkunft ist mir wichtig: Ich möchte jungen Menschen zeigen: Es ist möglich, in Deutschland Abgeordnete zu werden, auch wenn die Eltern keine Akademiker sind. Wenn man sich anstrengt, ein Ziel hat, kann man es schaffen! Ich bin im Übrigen nur eines von unzähligen sogenannten Gastarbeiterkindern, die eine Erfolgsgeschichte geschafft haben. Und das, obwohl unsere Eltern uns häufig nicht helfen konnten, weil sie wenig Deutsch gesprochen haben. Das spricht für unser Bildungssystem in Deutschland, zeigt aber auch die Versäumnisse in der Unterstützung der Einwanderer in den letzten Jahrzehnten. Leider gab es bis 2005 keine Sprachkurse, so dass die erste Generation immer ein Stück außerhalb der Gesellschaft war und die Kinder bis heute als Halbzeitübersetzer fungieren. Sie konnten das Leben in Deutschland nie so genießen und teilhaben, wie sie es verdient hätten. Aber die Politik hat dazu gelernt: Jetzt fangen wir so früh wie möglich mit den Sprachkursen an. Die Wartelisten der Volkshochschulen zeigen uns, dass die Menschen unbedingt die Sprache lernen wollen. Das ist auch das A und O, wenn man in Deutschland heimisch werden will.

Hatten Ihre Eltern konkrete Vorstellungen darüber, was sie beruflich machen wollten, als sie nach Deutschland gekommen sind – was hatten sie für Lebenspläne?

Cemile Giousouf: Bezeichnend für die Generation war glaube ich, dass sie wenig Pläne für sich hatten. Der ganze Fokus lag auf den Kindern. Sie haben sich auch nicht besonders viel gegönnt, sondern jeden Pfennig zur Seite gelegt. Meine Mutter wollte dann auch zeitnah arbeiten. Ihr Traum war eigentlich nur, dass sie in Ruhe leben können und die Kinder einen guten Beruf haben und nicht „im Staub“ arbeiten müssen. Da haben sie sich wohl kaum von anderen Eltern unterschieden.

Teilhabe an der Gesellschaft durch Vereine etc.

Was sind neben dem Erwerb der deutschen Sprache aus Ihrer Sicht die wichtigsten Instrumente zur Integration der Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und sich hier ein neues Leben aufbauen wollen?

Cemile Giousouf: Neben dem Erwerb der Sprache gehört die Arbeitsmarktintegration aber auch die soziale Integration zur gesellschaftlichen Teilhabe. Hier helfen unsere Sport- und Musikvereine, aber auch die Ehrenamtler maßgeblich mit, die Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft aufzunehmen.

Gibt es aus Ihrer Sicht einen Fehler, den wir bei der Integration der Flüchtlinge auf gar keinen Fall machen dürfen?

Cemile Giousouf: Aus den Erfahrungen der 1960er Jahre mit den „Gastarbeitern“ wissen wir, dass Integrationsmaßnahmen von Anfang an allerhöchste Priorität beigemessen werden müssen. Die Bundesregierung unternimmt größtmögliche Anstrengungen mit der Aus­weitung der Sprachkurse und der berufsbezogenen Förderungen, damit dies geschieht. Aber wir müssen vor allem in Kitas und Schulen investieren, wenn wir keine verlorenen Biographien haben wollen. Hier brauchen die Lehrer in den Auffangklassen stärkere Unterstützung durch Sozialarbeiter. Viele Kinder sind traumatisiert. Die müssen wir schnellstmöglich ebenfalls behandeln.

Wenn Sie den Satz hören „Wir schaffen das!“ Woran denken Sie als Erstes und mit was für Chancen ist für Sie dieser Satz verbunden?

Cemile Giousouf: Unser Land hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Von Kriegen und Auseinandersetzungen sind wir lange Zeit verschont geblieben, während bei unseren Nachbarn die Eurokrise zu starken Problemen wie der Jugendarbeitslosigkeit geführt hat. Wir haben ein gutes duales Ausbildungs­system, wir haben Strukturen, um Einwanderer in Bildung und Arbeit integrieren zu können und wir haben viele hilfsbereite Menschen, die die Flüchtlinge aus eigener Kraft unterstützen. Gleichzeitig schrumpft unsere Bevölkerung und wird immer älter. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung errechnete, dass ohne Einwanderung unser Land schon in 35 Jahren also im Jahr 2050, mehr als dreißig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung verlieren würde. Das ist ein Verlust von ungefähr 26 Millionen Arbeitskräften. Schon heute fehlen uns im länd­lichen Raum Ärzte oder in den Handwerksbetrieben Tischler. Jedes Potenzial, das wir heute nutzen können, wird sich nachhaltig positiv für unsere Gesellschaft auswirken. Die Neuzuzügler sind eine große Chance für uns. Sie sind wichtig, wenn wir weiter ein wirtschaftlich starkes Land bleiben wollen. Wir müssen jetzt aus dieser Situation eben auch eine Chance machen.

Teilhabe an der Gesellschaft durch Vereine etc.

Was sind neben dem Erwerb der deutschen Sprache aus Ihrer Sicht die wichtigsten Instrumente zur Integration der Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und sich hier ein neues Leben aufbauen wollen?

Cemile Giousouf: Neben dem Erwerb der Sprache gehört die Arbeitsmarktintegration aber auch die soziale Integration zur gesellschaftlichen Teilhabe. Hier helfen unsere Sport- und Musikvereine, aber auch die Ehrenamtler maßgeblich mit, die Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft aufzunehmen.

Gibt es aus Ihrer Sicht einen Fehler, den wir bei der Integration der Flüchtlinge auf gar keinen Fall machen dürfen?

Cemile Giousouf: Aus den Erfahrungen der 1960er Jahre mit den „Gastarbeitern“ wissen wir, dass Integrationsmaßnahmen von Anfang an allerhöchste Priorität beigemessen werden müssen. Die Bundesregierung unternimmt größtmögliche Anstrengungen mit der Aus­weitung der Sprachkurse und der berufsbezogenen Förderungen, damit dies geschieht. Aber wir müssen vor allem in Kitas und Schulen investieren, wenn wir keine verlorenen Biographien haben wollen. Hier brauchen die Lehrer in den Auffangklassen stärkere Unterstützung durch Sozialarbeiter. Viele Kinder sind traumatisiert. Die müssen wir schnellstmöglich ebenfalls behandeln.

Wenn Sie den Satz hören „Wir schaffen das!“ Woran denken Sie als Erstes und mit was für Chancen ist für Sie dieser Satz verbunden?

Cemile Giousouf: Unser Land hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Von Kriegen und Auseinandersetzungen sind wir lange Zeit verschont geblieben, während bei unseren Nachbarn die Eurokrise zu starken Problemen wie der Jugendarbeitslosigkeit geführt hat. Wir haben ein gutes duales Ausbildungs­system, wir haben Strukturen, um Einwanderer in Bildung und Arbeit integrieren zu können und wir haben viele hilfsbereite Menschen, die die Flüchtlinge aus eigener Kraft unterstützen. Gleichzeitig schrumpft unsere Bevölkerung und wird immer älter. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung errechnete, dass ohne Einwanderung unser Land schon in 35 Jahren also im Jahr 2050, mehr als dreißig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung verlieren würde. Das ist ein Verlust von ungefähr 26 Millionen Arbeitskräften. Schon heute fehlen uns im länd­lichen Raum Ärzte oder in den Handwerksbetrieben Tischler. Jedes Potenzial, das wir heute nutzen können, wird sich nachhaltig positiv für unsere Gesellschaft auswirken. Die Neuzuzügler sind eine große Chance für uns. Sie sind wichtig, wenn wir weiter ein wirtschaftlich starkes Land bleiben wollen. Wir müssen jetzt aus dieser Situation eben auch eine Chance machen.

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