„Persönliches Wachstum tut immer weh“

1. Februar 2017

Mit seiner „Unendlich-Stolz-Formel“ weist Markus Jotzo den Weg aus der Komfortzone. Sich Dingen zu stellen, die man nicht beherrscht, steht dabei im Mittelpunkt.

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  • Fehler zu machen, zu scheitern und dann zu lernen, wie es anders gehen kann, ist der Schlüssel zum Fortschritt.
  • Persönliches Wachstum ist damit verbunden, neu zu denken und neu zu handeln.
  • Wer ungeschoren und ohne Rückschläge große Ziele erreichen möchte, dem wird dies nicht gelingen.

„Tu, was du nicht kannst“ ist alles andere als eine alltägliche Aufforderung. Was hat Sie dazu gebracht, diesen Ansatz zu wählen?

Jotzo: Ich hatte in meinem Leben schon immer große Pläne und Träume. Manchmal bin ich Sie angegangen, manchmal habe ich feige den Schwanz eingezogen. Das hat mir hinterher jedes Mal weh getan, wenn ich gekniffen habe, denn ich hatte es nicht einmal versucht! So geht es vielen Menschen. Nur träumen und nicht handeln. Doch Lebensqualität geht anders: Wenn wir etwas Neues wollen, müssen wir neu denken und vor allem neu handeln. Da ich gern Wirkung erziele bei anderen Menschen, bringe ich die Botschaft gern klar auf den Punkt: Tu, was Du nicht kannst!

Was erwidern Sie denen, für die Talentförderung oder Personalentwicklung bei den Stärken des Einzelnen ansetzt, nicht bei seinen Schwächen?

Jotzo: Stärken zu stärken ist eine klasse Idee. Doch jeder, der wachsen will – auch wenn das den eigenen Stärken-Bereich betrifft – führt das Ausbauen von Stärken nur über das Angehen von Dingen, die derjenige noch nicht kann. Wenn also jemand gut mit Menschen umgehen kann, sehr kommunikativ ist, ein guter Zuhörer und auch noch stressresistent, dann kann diese Person vielleicht gut mit Kundenreklamationen umgehen. Aber irgendwann kommt dann der erste laute, aufgebrachte, vielleicht sogar schreiende Kunde auf diese Person zu. Das ist dann eine Situation, die diese Person noch nicht kann. Das gilt es dann erst mal zu lernen, wie das genau geht.

Im Rahmen von Personalarbeit: Genügt da eine Einladung und vielleicht noch Anregung, sich mit Schwächen zu befassen, oder braucht es dauerhafte Anleitung und Begleitung?

Jotzo: Beim „Tu, was Du nicht kannst“ geht es nicht um die Eliminierung von Schwächen. Es geht um persönliches Wachstum. Persönliches Wachstum tut immer weh. Denn es heißt „Raus aus der Komfortzone“, Fehler machen, Scheitern und dann lernen, wie es anders gehen kann. Mein „Tu, was du nicht kannst“ betont dabei den Schritt in die Überforderungszone: Nicht nur Baby-Schritte gehen, sondern große Schritte wagen, deutliche Fortschritte und deutliche Lernerfahrungen aus dem Scheitern ziehen. Wenn es nicht wehtut, ist es kein persönliches Wachstum. Wachstum ist immer auch zeitweise unangenehm. Das ist immer Neuland. Das ist immer Unsicherheit. Daher ist eine Begleitung oder Unterstützung sicher hilfreich.

Die „Überforderungszone“ ist nach Ihrem Verständnis die „Werkstatt“, um Wachstum anzugehen. Was braucht es aus Ihrer Sicht, um gefühlte von tatsächlicher Überforderung zu unterscheiden?

Jotzo: Ziel ist zweierlei: Erstens jeden Tag handeln, um jeden Tag Fortschritte zu erzielen. Beim Handeln bringen große Schritte mehr als kleine, klar. Viele Menschen gehen diese kleinen Schritte, die dann schnell verebben. Ich sage, dass Wachstum, Schmerz, Scheitern und Lernen zusammengehören. Diejenigen, die die Baby-Schritte zum Ziel gehen, erliegen der Illusion, dass sie so ans Ziel kommen werden. Doch das gelingt meist nicht. Große Ziele brauchen große Taten, die manchmal überfordernd wirken. Wer aber ungeschoren und ohne Rückschläge große Ziele erreichen möchte, dem wird dies nicht gelingen. Gefühlte Überforderung kann einen Menschen stoppen. Tatsächliche Überforderung – heißt, das Ergebnis wird voraussichtlich nicht erreicht – ebenso. Entscheidend sind zwei Dinge: 1) Trotz Überforderung handeln. 2) Scheitern ist zwar wahrscheinlicher bei Überforderung, gleichzeitig aber auch Teil des Spiels. Entscheidend ist, im Scheitern und in der Überforderung bewusste Lernerfahrungen zu sammeln und diese dann in die nächsten Aktivitäten einfließen zu lassen.

Was sind die größten Hürden, die es zu überwinden gilt, wenn jemand ernsthaft den Weg in die Überforderungszone antritt?

Jotzo: Entscheidend ist die Einstellung, dass Scheitern, Frust und Rückschläge mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten werden. Gemeint ist nicht dauerhaftes Scheitern, sondern Fehler, die potenziell Zeit, Geld und mentale Kraft kosten. Beim Eintritt der ersten Schwierigkeiten gilt es dann, dranzubleiben und trotz Frust weiter zu machen und durch das Handeln die Erfolgswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Wer nach einem Scheitern in der energielosen Analyse stecken bleibt, verpasst die Chance, aus dem Scheitern persönlich zu lernen und zu wachsen.

Wie wichtig ist im beruflichen Umfeld eine Fehlerkultur des Unternehmens, um einen solchen Weg zu gehen?

Jotzo: Wenn wir nicht zu den Langsamen gehören wollen, die von den Schnellen gefressen werden, dann ist eine Fehlerkultur essentiell. Denn Neues ausprobieren, um den steigenden Anforderungen des Marktes zu entsprechen, birgt immer Risiko und die Chance auf Fehler. Manchmal sind Fehler sogar vorprogrammiert. Am besten ist, dass alle Beteiligte vorher darüber offen sprechen, dann können diese Erwartungen und mögliche Risiken abgleichen.

Sie raten zum „schätzenden Blick“, sprich: das Gute in einem Ereignis oder Zustand zu sehen, statt über das Widrige daran zu jammern. Damit stehen Sie in einem ziemlich krassen Widerspruch zur Lebenswirklichkeit in unserer Gesellschaft…

Jotzo: Ich glaube, dass viele Menschen gern jammern, lästern oder sich beklagen. Das ist einfacher als konstruktiv Lösungen vorzuschlagen. Und: Die erfolgreichen Menschen unter uns wissen, dass Jammern keine positiven Ergebnisse bringt. Mit meinem Ansatz möchte ich eine Bewegung für Mut und für Anpacken erschaffen. Der Lohn für alle, die mitmachen, sind befriedigende Ergebnisse, Erlebnisse und Erfahrungen nach einem intensiven Einsatz und Hineinknien.

Im Erfolgsfall versprechen Sie jenen, die Scheitern in Kauf nehmen, in rauem Terrain persönliches Wachstum anstreben und schließlich Erfolg haben „unbändigen Stolz“. Zunächst einmal: Stolz hat in unserem Kulturkreis auch einen negativen Beigeschmack. Wie sehen Sie das?

Jotzo: Ja genau, und das finde ich schade für all diejenigen, auf die das zutrifft. Warum sollten wir nicht stolz sein? Wer sich selbst herausfordert und viel leistet hat das Recht dazu! Stolz zu sein ist gut möglich, ohne arrogant zu sein und ohne andere schlecht zu machen. Ich rate jedem: Sei stolz auf Deinen Einsatz und Deine Ergebnisse. Deinen Stolz hast Du mit Deinem Schweiß selbst verdient.

Was macht man mit diesem Stolz?

Jotzo: Jeder macht das auf seine Weise. Ich mach’s so: Wenn ich unseren Keller nach fünf Jahren Chaos aufgeräumt habe, dann gehe ich noch zwei, drei Mal runter – einfach nur, um mir meinen Erfolg noch mal anzuschauen. Vielleicht genieße ich es nur still und leise. Vermutlich erzähle ich es meinen Freunden – ohne arrogant dabei zu wirken. Und vermutlich bringt mich das auf die Idee, noch weitere Projekte in Angriff zu nehmen.

Darf man Stolz auch teilen? Beziehungsweise: Darf man erwarten, dass ihn Partner, Kollegen oder sogar das Unternehmen honoriert?

Jotzo: Tja, eine gute Frage. Ich glaube, dass alles, was wir dieser Welt geben, irgendwie zurück kommt – früher oder später. Ich finde, wir können eine Würdigung erwarten. Diese Würdigung ist aber keine logische Konsequenz. Denn je nach den Werten meines Partners, meiner Freunde oder der Führungsqualität des Vorgesetzten, je nach Unternehmenskultur wird unser Einsatz wertgeschätzt oder nicht. Im Zweifel hilft es, hier vorher klare Absprachen zu treffen, um dann gut mit den Ergebnissen mutiger Taten umgehen zu können. Wichtig ist weiterhin, sich selbst gut zu überlegen, warum wir was genau tun. Welche Werte und Ziele wir vertreten. Wenn wir nach unseren Werten leben, können wir gut in den Spiegel schauen und uns gut dabei fühlen.

Informationen zur Person Markus Jotzo

Markus Jotzo – Autor, Speaker und Trainer aus Hamburg – ist überzeugt: Jeder ist hundertprozentig selbst für die Qualität seiner Privat- und Berufswelt verantwortlich. Genau aus diesem Grund hat der Familienvater seine leitende Tätigkeit bei einem Weltkonzern gegen die Selbstständigkeit eingetauscht, um Menschen nachhaltig zu inspirieren. Im Sommer 2016 sprang Jotzo selbst in seine Überforderungszone: Einen Monat lang trampte er ohne Geld, feste Unterkunft und Proviant von Hamburg bis auf die Zugspitze und musste sich bei verschiedensten Herausforderungen täglich überwinden.

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