Pflegende Angehörige brauchen Zuwendung

Auch wenn viele Schlagzeilen vom „Pflegeurlaub“ sprachen: Die Freistellung von Mitarbeitern für häusliche Pflege ist, wie die Elternzeit, alles andere als Freizeit.

Familienfreundlichkeit im Beruf

  • Mit dem Anspruch von Mitarbeitern auf Freistellung zur häuslichen Pflege haben Unternehmen, neben der Elternzeit, nicht nur ein zweites, umfängliches organisatorisches Problem zu bewältigen.
  • Sie sind gleichzeitig gefordert, die psychischen Belastungen ihrer Mitarbeiter, die sich aus der Pflegetätigkeit ergeben, offen und fürsorglich zu begleiten.
  • Dies wird auf Dauer zu einem tragenden Kriterium für die Familienfreundlichkeit einer Firma.

Für alleinerziehende Eltern haben viele Unternehmen inzwischen eingespielte Verfahren. Der Umgang mit Mitarbeitern, die zuhause Angehörige pflegen (müssen), ist deutlich schwieriger, da zur körperlichen auch seelische Belastung kommt. Ein Wegweiser, wie es geht, ist das Ende 2014 verabschiedete Gesetz „zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf“. Fakt ist: In Deutschland werden derzeit 1,85 Millionen Menschen zu Hause gepflegt – zwei Drittel davon ausschließlich durch Angehörige. Eine Umfrage im Auftrag des Bundesfamilienministeriums hat ergeben, dass sich bei 79 Prozent der pflegenden Angehörigen Beruf und Pflege nur schlecht miteinander vereinbaren lassen.

Doppelbelastung durch Pflege und Beruf auflösen

„Viele Menschen in Deutschland möchten ihre Angehörigen pflegen, leiden jedoch unter der Doppelbelastung von Pflege und Beruf. Wir bieten nun den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mehr Unterstützung, um diese besondere Situation zu meistern, ohne dabei ihren Beruf aufgeben zu müssen", sagte damals Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Manuela Schwesig. Kernelemente des Gesetzes sind das Pflegeunterstützungsgeld als Lohnersatzleistung bei kurzzeitiger Arbeitsverhinderung sowie der Anspruch auf Förderung durch ein zinsloses Darlehen und der Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit.

Weil Pflege nicht nur eine Aufgabe ist, die alte Menschen betrifft, ist eine Freistellung auch möglich, wenn ein pflegebedürftiges minderjähriges Kind außerhäuslich betreut werden soll. Eine Begleitung in der letzten Lebensphase findet ebenfalls Berücksichtigung. Die Gesamtdauer der Freistellungsmöglichkeiten, die auch kombiniert werden können, beträgt insgesamt 24 Monate. Darüber hinaus wird der Kreis der pflegebedürftigen nahen Angehörigen zeitgemäß erweitert. Künftig werden auch Stiefeltern, Schwägerinnen und Schwager sowie lebenspartnerschaftsähnliche Gemeinschaften einbezogen.

Neues Aufgabenfeld für Personalabteilungen

Angesichts des großen betroffenen Personenkreises und der zeitlichen Umfänge bedeutet das neue Gesetz, dass Unternehmen sich mit der Frage „pflegende Mitarbeiter“ nicht mehr im Nebengeschäft befassen dürfen. Insbesondere für die Personalabteilungen ist hier ein neues Aufgabenfeld bei Organisation, rechtlicher Absicherung und Personalplanung entstanden. So besteht zum Beispiel ein sehr intensiver Kündigungsschutz, der jenem für werdende Mütter und Arbeitnehmer in Elternzeit entspricht. Er gilt auch für die arbeitnehmerähnlichen Selbstständigen, die auf diese Weise einen ihnen sonst nicht bekannten Kündigungsschutz erhalten.

Darüber hinaus ergibt sich, wenn man die oft beschworene „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ernst nimmt, ein Betreuungsbedarf zugunsten der betroffenen Mitarbeiter. Dies resultiert zum einen aus der starken körperlichen und seelischen Belastung, die mit der Pflege eines nahen Angehörigen einhergeht. Zum anderen sind die familiären Lasten vielfach auch nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz im Alltagsleben noch präsent.

Unternehmen sehen Maßnahmen kritisch

Dem entgegen steht derzeit noch, was eine repräsentative Befragung der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) unter Personalentscheidern im Frühjahr 2015 ergab. Die Mehrheit der deutschen Unternehmen sieht die neuen gesetzlichen Regelungen skeptisch. Vor allem an der Praktikabilität gibt es erhebliche Zweifel. Besonders kleinere Unternehmen (16 bis 49 Mitarbeiter) fühlen sich der Untersuchung zufolge außer Stande, den vorübergehenden Ausfall eines Mitarbeiters zu kompensieren.

„Für kleinere Betriebe bedarf es zusätzlicher Unterstützungen, ansonsten sind Konflikte vorprogrammiert. Aber letztlich muss auch für sie gelten: Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist keine Bonusleistung, sondern angesichts der vielfältigen Veränderungen am Arbeitsmarkt eine Notwendigkeit“, sagt Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP.

Flexible Arbeitsgestaltung gilt als praktikabel

Trotz aller Bedenken gegenüber den neuen Regelungen halten es 76 Prozent der befragten Unternehmen für wichtig bzw. sehr wichtig, ihre Mitarbeiter bei der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege gezielt zu unterstützen. Bei den Unternehmen, die bereits solche Angebote vorhalten (20 Prozent), dominieren allgemeine Maßnahmen zur flexiblen Arbeitsgestaltung, wie freie Arbeitszeiteinteilung oder individuelle Absprachen. 39 Prozent der Unternehmen sehen dementsprechend keine Notwendigkeit für eine Unterscheidung zwischen personalpolitischen Maßnahmen für pflegende Familienangehörige und für Eltern minderjähriger Kinder.

„Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege hat zwar in vielen Unternehmen an Bedeutung gewonnen, jedoch zeigt unsere Untersuchung, dass noch ein weiter Weg zu gehen ist. Führungskräfte müssen viel stärker als bisher für das Thema sensibilisiert werden. In einem Großteil der Unternehmen fehlt noch eine pflegesensible Kultur“, so Suhr. Pflegende Angehörige bräuchten aber Wertschätzung, Anerkennung und vor allem Verständnis für ihre Situation.

Im Überblick:
Gesetz „zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf“

10-tägige Auszeit im Akutfall mit Lohnersatzleistung Beschäftigte, die kurzfristig Zeit für die Organisation einer neuen Pflegesituation benötigen, können im Rahmen der kurzzeitigen Arbeitsverhinderung bis zu zehn Tage der Arbeit fernbleiben. Neu ist, dass dies mit einem Anspruch auf Pflegeunterstützungsgeld, vergleichbar mit dem Kinderkrankengeld, verbunden wird - eine Lohnersatzleistung, die den Verdienstausfall in dieser Zeit zu einem Großteil auffängt. Sechs Monate Pflegezeit mit zinslosem Darlehen und Rechtsanspruch Beschäftigte haben auch künftig einen Anspruch auf eine vollständige oder teilweise Freistellung von bis zu sechs Monaten. Dieser Anspruch wird künftig durch einen Anspruch auf Förderung durch ein zinsloses Darlehen ergänzt. Dieses Darlehen zur besseren Absicherung des Lebensunterhalts können die Beschäftigten direkt beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) beantragen. Das Darlehen wird in monatlichen Raten ausgezahlt und deckt die Hälfte des durch die Arbeitszeitreduzierung fehlenden Nettogehalts ab. Auf entsprechenden Antrag kann auch ein niedrigeres Darlehen - bis zu einer Mindesthöhe von 50 Euro monatlich - in Anspruch genommen werden. Familienpflegezeit als Rechtsanspruch mit zinslosem Darlehen. Neu im Gesetzentwurf ist die Einführung eines Rechtsanspruchs auf Familienpflegezeit. Beschäftigte sind künftig für die Dauer von bis zu 24 Monaten bei einer verbleibenden Mindestarbeitszeit von 15 Wochenstunden teilweise freizustellen, wenn sie einen pflegebedürftigen nahen Angehörigen in häuslicher Umgebung pflegen. Zusätzlich erhalten sie einen Anspruch auf ein zinsloses Darlehen. Der Begriff der nahen Angehörigen wird erweitert. Bisher waren es Großeltern und Eltern, Schwiegereltern, Ehegatten, Lebenspartner, Partner einer eheähnlichen Gemeinschaft, Geschwister, Kinder, Adoptiv- und Pflegekinder, Adoptiv- oder Pflegekinder des Ehegatten oder Lebenspartners, Schwieger- und Enkelkinder. Hinzu kommen nun auch Stiefeltern, Schwäger/innen, lebenspartnerschaftsähnliche Gemeinschaften. Betreuung pflegebedürftiger Kinder. Auch können Beschäftigte (Eltern) für ein pflegebedürftiges Kind, das nicht zu Hause sondern in einer außerhäuslichen Einrichtung betreut wird, wahlweise und flexibel, wie bei der Pflegezeit, eine maximal 6-monatige vollständige oder teilweise Freistellung oder wie bei der Familienpflegezeit eine maximal 24-monatige teilweise Freistellung in Anspruch nehmen. Begleitung in der letzten Lebensphase. In der letzten Lebensphase - zum Beispiel wenn ein Angehöriger im Hospiz ist - besteht für maximal drei Monate ebenfalls die Möglichkeit, die Arbeitszeit ganz oder teilweise zu reduzieren, um den nahen Angehörigen zu begleiten. Eine detaillierte Darstellung aller Regelungen ist auf http://www.wege-zur-pflege.de/neu-seit-112015.html abrufbar. Eine Handreichung für Unternehmen steht http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Fami… hier zum Download bereit.

Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend