Plädoyer gegen den Alleingang

24. September 2012

Wenn sich Existenzgründer nach den ersten Mitarbeitern umsehen, sollten sie auf jeden Fall den Rat guter Freunde, erfahrener Kollegen und beschlagener Rechtsexperten einholen. Und zwar „bevor das Kind in den Brunnen fällt“, wie die Hamburger Arbeitsrechtlerin Ina Marie Koplin im Interview anmerkt.

Der erste Mitarbeiter bedeutet für einen Existenzgründer immer eine große Herausforderung. Was macht denn diesen Schritt so schwierig?

Ina Marie Koplin: Zum einen ist es natürlich wirtschaftlich gesehen ein großer Schritt. Zum anderen gehen mit der Einstellung eines Mitarbeiters arbeitsrechtliche Verpflichtungen einher, über deren Ausgestaltung und Umfang sich der Existenzgründer oft nicht im Klaren ist. Es beginnt ja bereits mit der Stellenanzeige: Hier sind die Diskriminierungsverbote des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes zu beachten. So muss die Stellenanzeige geschlechtsneutral sein und darf auch nicht z. B. altersdiskriminierend sein. Und das ist erst der Anfang …

Um welche Hausaufgaben muss sich der Gründer auf jeden Fall kümmern, damit der erste Job, den er vergibt, auch gut über die Bühne geht?

Ina Marie Koplin: Aus meiner Sicht ist ein vernünftiger Arbeitsvertrag sehr wichtig. Der Arbeitsvertrag bildet die Grundlage des Arbeitsverhältnisses, die darin enthaltenen Regelungen sollten also gut durchdacht sein. Unter Umständen sind auch befristete Arbeitsverträge sinnvoll. So kann der „frischgebackene Chef“ länger als nur während der Probezeit prüfen, ob die Zusammenarbeit mit dem neuen Mitarbeiter auch wirklich funktioniert. Zudem ist ein befristeter Arbeitsvertrag aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll, wenn die Einkünfte noch schwankend sind und es nicht klar ist, ob z. B. nach einem Jahr noch ein Bedarf für den Mitarbeiter vorhanden ist. Zwar gibt es im Kleinbetrieb sowieso keinen Kündigungsschutz. Jedoch ist es auch psychologisch für den Mitarbeiter etwas anderes, ob ihm gekündigt wird oder sein Arbeitsvertrag schlichtweg ausläuft.

Die Verlockungen, sich neue Mitarbeiter „quick and easy“ über ein soziales Netzwerk zu holen, sind groß. Ist das wirklich ein guter Weg?

Ina Marie Koplin: Der beste Weg ist meiner Ansicht nach die Empfehlung durch Freunde und Bekannte oder durch Kollegen. Ansonsten gilt aber: Ob es wirklich Probleme mit einem Mitarbeiter gibt, zeigt sich im Allgemeinen erst im Verlauf des Arbeitsverhältnisses.

Arbeitsrecht ist ja auch ein eher sprödes und ungeliebtes Thema. Wie sollten Gründer damit umgehen?

Ina Marie Koplin: Ich halte es für gut, sich vor der Einstellung eines Mitarbeiters im Rahmen eines Seminars über die grundsätzlichen Rechte und Pflichten im Arbeitsverhältnis zu informieren. Zum Beispiel ist es sinnvoll, Grundkenntnisse über das Urlaubsrecht sowie die Rechte und Pflichten bei Krankheit des Mitarbeiters zu haben. Treten später Probleme auf, die auch eine Kündigung nach sich ziehen könnten, sollte besser ein Fachanwalt für Arbeitsrecht zu Rate gezogen werden, da hier eine individuelle rechtliche Beratung erforderlich ist.

Alternative Beschäftigungsformen wie Mini-Jobs, Praktika, Teilzeit oder Zeitarbeit sind ein guter Einstieg beim Personalaufbau, wenn…

Ina Marie Koplin: Dies sind gute Lösungen, wenn noch nicht klar ist, wie groß der Personalbedarf in Zukunft sein wird. Meiner Ansicht nach ist eine sehr gute Vorgehensweise, einen Mitarbeiter zunächst auf 400 Euro-Basis einzustellen, um erst einmal zu schauen, wie viel Entlastung dies schon bringt. Stellt man dann fest, dass der Personalbedarf doch höher ist, so folgt eine Einstellung für 20 Stunden die Woche usw. Auch Zeitarbeit ist hier natürlich ein guter Weg.
Welche Ratgeber sollte ein Gründer auf jeden Fall zu Rate ziehen, wenn er Mitarbeiter einstellen will?
Für den Arbeitsvertrag sollte, wie oben schon erwähnt, ein Fachanwalt für Arbeitsrecht zu Rate gezogen werden. Aber auch die Einschaltung eines Steuerberaters ist unbedingt nötig, damit die Anmeldung zur Sozialversicherung und die Lohnabrechnung ordentlich gemacht werden.

Zusammenfassend: Welche Erfahrungen haben Sie beim Thema „Gründer und Personal“ gemacht?

Ina Marie Koplin: Es bestehen oft erhebliche Unsicherheiten über die Rechte und Pflichten im Arbeitsverhältnis, sowohl bei Gründern auch bei sonstigen Kleinunternehmern mit Betrieben mit unter zehn Mitarbeitern. Dabei kann es den Arbeitgeber teuer zu stehen kommen, wenn er sich nicht informiert. Aus meiner Sicht ist es immer besser, rechtzeitig arbeitsrechtlichen Rat einzuholen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist, weil z. B. bei einer Abmahnung oder Kündigung Fehler passiert sind.

Zur Person

Ina Marie Koplin berät und vertritt als Fachanwältin für Arbeitsrecht seit 2004 erfolgreich Arbeitnehmer und Arbeitgeber außergerichtlich und vor Gericht in allen Fragen des Arbeitsrechts und damit zusammenhängenden Problemen. Im Vordergrund steht hierbei das Kündigungsschutzrecht. Frau Koplin beschäftigt sich außerdem intensiv mit der Herausforderung, denen sich Existenzgründer in Personalfragen gegenüber sehen.

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