„Psychische Probleme am Arbeitsplatz sind nach wie vor ein Tabu“

17. Juli 2011

Schon mit einem einfachen Gespräch unter vier Augen wäre ein sich anbahnender Burn-Out unter Kontrolle zu bekommen. Doch finden solche Gespräche kaum statt. Frank Meiners (55), Diplom-Psychologe und Experte der DAK für gesundheits- und versorgungspolitische Themen, geht im Interview der Problematik auf den Grund.

Es kommt nicht besonders gut an, seine Aufgaben nicht mehr erfüllen zu können.

Es fällt auf, dass Burn-Out nur selten im Betrieb offen angesprochen wird. Wo sehen Sie die Gründe für diese Kommunikationsblockade?

Meiners: Vielfach wird Burn-Out noch mit Leistungsschwäche oder mangelnder Belastbarkeit verbunden. Es kommt nicht besonders gut an, seine Aufgaben nicht mehr erfüllen zu können. Deshalb wird das Thema eher tabuisiert, bis der Druck zu groß wird.

Welche Kommunikationsformen oder -maßnahmen empfehlen Sie?

Meiners: Hier sind insbesondere Führungskräfte gefordert, überhaupt möglichst frühzeitig einen Burn-Out-Prozess zu erkennen. Er entwickelt sich schleichend. Sofern die Führungskraft den Eindruck gewinnt, dass sich ein Burn-Out entwickelt, sollte sie von sich aus das Gespräch unter vier Augen suchen. Betroffene selbst sollten bei andauernden gesundheitlichen Beschwerden (z. B. Schlaflosigkeit, Grübeln, chronische Müdigkeit und depressive Haltung zum Beruf) ebenfalls von sich aus das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen. Es muss dann geklärt werden, ob es Möglichkeiten gibt, Arbeitsabläufe anders zu organisieren.

Anscheinend gleicht die Situation von Burn-Out-Betroffenen in mehrerlei Hinsicht jener von Suchtopfern – gerade dann, wenn aus einem Arbeitsleben am Limit Stress wird. Gibt es Parallelen?

Meineres: Es brennen oft gerade die anfänglich besonders motivierten Mitarbeiter später aus. Dabei versuchen sie häufig, ihre Arbeitsfähigkeit so lange wie möglich zu erhalten. Die „Entspannung“ wird dann nicht selten auf falschem Wege herbeigeführt: nämlich durch den Konsum von viel Alkohol oder aufputschenden Medikamenten. Suchtkranke kompensieren erhöhte Stress-Belastungen ebenfalls durch solche Substanzen.

„Vielfach wird der Prozess des Burn-Out zunächst nicht wahrgenommen und erkannt“

Woher kommt die Zurückhaltung seitens der Unternehmen, aktiv mögliche Opfer anzusprechen und Prävention zu leisten?

Meiners: Vielfach wird der Prozess des Burn-Out zunächst nicht wahrgenommen und erkannt. Nur der Betroffene selbst merkt irgendwann, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Trotz aller Transparenz sind psychische Probleme am Arbeitsplatz nach wie vor mehr ein Tabu, als wenn jemand einen Bandscheibenvorfall erleidet.

Welche Rolle spielt der Umstand, dass es kein definiertes „Krankheitsbild Burn-Out“ gibt?

Meiners: Das spielt eine große Rolle. „Burn-Out“ ist eher ein Symptomkomplex verschiedener miteinander verbundenen Krankheiten. Als eigenständige Krankheit wird es zu wenig wahrgenommen.

Unsere aktuelle Umfrage zeigt, dass rund 3/4 der Befragten davon ausgehen, dass es künftig mehr Burn-Out-Fälle geben wird. Werden es tatsächlich mehr Fälle oder werden nur mehr als solche erkannt?

Meiners: Beides! Die veränderten Anforderungen in der Arbeitswelt – mehr Arbeitsverdichtung, Arbeitsbeschleunigung durch globale Vernetzung und IT, mehr mentale Anforderungen – führen dazu, dass immer mehr Menschen dem Tempo und der Arbeitsvielfalt nur schlecht standhalten können und psychische Beeinträchtigungen entstehen. Gleichzeitig sind sowohl Mediziner als auch Patienten sehr viel mehr über psychische Erkrankungen informiert. Dies führt dazu, dass Ärzte diesen Krankheitskomplex besser erkennen und Betroffene auch früher zum Arzt gehen, um sich professionelle Hilfe zu holen.

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