Schon bei der Berufswahl die Weichen stellen

24. April 2013

Dass Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft unterrepräsentiert sind, hat nach Ansicht von Dr. Christina Anger auch damit zu tun, dass in der Industrie Spitzenpositionen überwiegend von Ingenieuren besetzt sind. Eine stärkere Zuwendung zu MINT-Studiengängen könnte Frauen, da ist die Wissenschaftlerin im Dienst des IW Köln überzeugt, auch ohne Quote ihren Führungsanteil vergrößern.

Die Diskussion über eine Frauenquote für die deutsche Wirtschaft dauert an, die Meinungen sind gespalten: Braucht die Bundesrepublik eine Frauenquote oder nicht?

Anger: Bei all den hitzigen Debatten sollte nicht vergessen werden, dass sich die Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren bereits deutlich verbessert haben. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen hat sich zwischen 1996 und 2010 von 22% auf immerhin 28% erhöht – ganz ohne Quote.

Worauf führen Sie das zurück?

Anger: Unter anderem auf eine veränderte] Ausgangssituation schon beim Berufseinstieg. Bereits in den Schulen haben heute Frauen die Nase vorn: Im Jahr 2011 waren 55% aller Abiturienten weiblich. Somit drängen immer mehr Frauen an die Universitäten. Inzwischen stellen sie etwas mehr als die Hälfte der Hochschulabsolventen. Durch die gestiegenen Qualifikationen der Frauen ist deren Anteil an allen Erwerbstätigen zwischen 1991 und 2011 von knapp 42% auf über 46% gestiegen.

Warum tragen nicht noch mehr Frauen Führungsverantwortung?

Anger: Das hat nicht zuletzt mit der Studienfach- und Berufswahl zu tun: Vor allem in der Industrie weisen Manager häufig einen ingenieurwissenschaftlichen Abschluss auf. In diesen Studienfächern sind Frauen jedoch nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Selbst wenn sie sich für ein MINT-Fach entscheiden, wählen sie eher Pharmazie oder Biologie, während Männer eher Maschinenbau oder Elektrotechnik studieren. Doch letztere Studienfächer bieten gegenwärtig deutlich bessere Einkommens- und Karriereperspektiven.

Haben Sie bei Ihrer Arbeit noch weitere Aspekte erkannt, die den Karriereverlauf beeinflussen?

Anger: Auch Erwerbsunterbrechungen und die Verkürzung der Arbeitszeit erweisen sich als Faktoren, die zu unterschiedlichen Karriereverläufen bei Männern und Frauen beitragen. Denn noch immer ist es in der Regel eher die Frau, die sich um Kinder und den Haushalt kümmert.

Die Konsequenz daraus lautet …

Anger: … dass Quotenregelungen bei der Besetzung von Führungspositionen kein effizienter Ansatzpunkt sind, um den Anteil der Frauen in Führungspositionen zu erhöhen.

Wäre der Wunsch der Mitarbeiter nach weiblicher Führung vielleicht ein gutes Argument? Der Randstad Workmonitor deutet darauf hin, dass sich viele Beschäftigte darüber freuen würden.

Anger: Für die Besetzung einer Führungsposition sollte die fachliche Qualifikation und die Eignung als Führungskraft ausschlaggebend sein und nicht das Geschlecht. 

Beim Blick auf die globalen Resultate bekommt man den Eindruck, dass das Thema „Frauen in Führungspositionen“ noch stark von kulturellen Traditionen geprägt ist, die über die familiäre Rollenverteilung hinausgeht. Wie sehen Sie das?

Anger: Der Anteil von Frauen in Führungspositionen wird unter anderem durch die Wirtschaftsstruktur und das Erwerbsverhalten von Frauen bestimmt. In der industriell geprägten Volkswirtschaft Deutschlands, in der häufig technische Qualifikationen Voraussetzung für die Erfüllung von Führungsaufgaben sind, ist ein verändertes Berufs- und Studienwahlverhalten von Frauen wichtig, damit überhaupt ausreichend Frauen mit der erforderlichen Qualifikation für die Besetzung von Führungspositionen zur Verfügung stehen. Darüber hinaus spielen staatliche Rahmenregelungen wie z.]B. in der Familienpolitik eine wichtige Rolle. Hier kann beispielsweise durch den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur für Kinder die Voraussetzung dafür geschaffen werden, dass Einkommens- oder Karriereaussichten von Frauen nicht aufgrund von Erwerbspausen oder reduzierter Arbeitszeiten beeinträchtigt werden.

Überrascht es Sie, dass ausgerechnet in vermeintlichen „Macho“-Regionen eine hohe Zustimmung zu weiblichen Führungskräften vorhanden ist?

Anger: Die hohe Zustimmung zu weiblichen Führungskräften zeigt, dass viele Beschäftigte in unterschiedlichen Ländern kein Problem damit haben, von einer Frau geführt zu werden. Dennoch kann ich mich hier nur wiederholen, die Qualifikation und die Eignung sollte das entscheidende Kriterium für die Besetzung einer Führungsfunktion sein.

Zur Person:

Dr. Christina Anger ist Senior Economist im Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Im Bereich „Humankapital und Innovation“ ist sie auf Bildungsökonomik spezialisiert. Zu ihren Fachthemen gehören Beschäftigung und Einkommen, Bildungsarmut, Bildungsrenditen, Fachkräfte, Frauen, Frühkindliche Bildung, Kinderbetreuung und Lohnlücke.

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