Schwitzen für die Firmenkultur

25. April 2012

Mit der zunehmenden Verbreitung verteilter Standorte, multinationaler Unternehmen oder virtueller Teams ist das Thema Führungskräfte"Integration salonfähig geworden. Ein Holzbildhauer geht dabei ungewöhnliche Wege, um aus der Führungsriege eines Unternehmens ein Team zu formen.

Führungskräfte-Integration? Vor nicht allzu langer Zeit war das noch ein Fremdwort in vielen Personalabteilungen. Eine Führungskraft muss man nicht integrieren, sie hat zu funktionieren und sich nahtlos in die Firmenkultur einzufügen – so lautete vielerorts das Credo. Doch angesichts der fortschreitenden Verbreitung von virtuellen Teams an oftmals weltweit verteilten Standorten zählt die Integration von Führungskräften in die Unternehmenskultur zu den wichtigen Aufgaben bei der Neubesetzung und Restrukturierung von Managementpositionen. Aber welche Wege geht man am besten, um Führungskräften ihr „berufliches Zuhause“ nahezubringen, sie ins Unternehmen einzubinden und ins Team der Führungskollegen zu integrieren?

„Man kann sie gemeinsam schwitzen lassen”, sagt Thomas Rappaport, Pädagoge und Holzbildhauer, „schwitzen lassen für die Firmenkultur”. Und in der Tat: In den Seminaren, die der Stuttgarter entweder im eigenen Atelier oder in ausgewählten Hotels durchführt, wird Hand angelegt und hart gearbeitet. Denn es gilt, aus einem rohen Stück Holz ein gemeinsames Ergebnis herauszuarbeiten. Führungskräfte werden so zu gestaltenden Künstlern und erleben die Kunst mit allen Höhen und Tiefen. „Am Anfang steht meist die Ablehnung. ‚Ich kann das nicht, ich will das nicht, und überhaupt: Was will dieser Kreative denn von uns?’ Doch das vergeht recht schnell, wenn die ersten Späne fallen. Nach fünf Minuten ist meistens Ruhe, da ist volle Konzentration zu spüren und es ist schön zu sehen, wie sich die Menschen plötzlich mit einer neuen Welt auseinandersetzen”, erzählt Rappaport.

„Am Anfang steht meist die Ablehnung. ‚Ich kann das nicht, ich will das nicht, und überhaupt: Was will dieser Kreative denn von uns?‘“

Thomas Rappaport, Pädagoge und Holzbildhauer

Im Kern drehen sich Rappaports Workshops um das gemeinschaftliche Erleben und Arbeiten. Die Kunst übernimmt dabei die Funktion des Katalysators – und übersetzt Führungs- und Kommunikationsqualitäten in ein sichtbares Team-Ergebnis. „Art Teaming” nennt Rappaport sein Konzept, das er gemeinsam mit der Arbeitspsychologin Anna Dollinger entwickelt hat. „Bei uns geht es nicht um die sportliche Herausforderung wie bei vielen anderen Teamevents. Wir arbeiten an der Kunst, mit den Menschen, im Team. Die meisten haben da keine Vorerfahrung, kein Training, kein Wissen – und das ist gut so. Daraus entsteht eine Art diskriminierungsfreie Welt, in der alle auf dem gleichen Stand sind.” 

Art Teaming um Führungskräfteteams innerhalb kürzester Zeit zusammenzuschweißen

Wie sich Teams zusammensetzen und organisiert sind, wer „Leitwolf“ ist und wer nur im Rudel mitläuft, zeigt sich schnell. Zu Beginn des Workshops gilt es, ein temporäres Atelier zu schaffen. Die Materialien: 60 Quadratmeter Lkw-Plane, ein paar Seile und eine Handvoll Stöcke. Die Aufgabe: Einen „Raum“ zu schaffen, in dem das Team arbeiten kann – sei es als Sonnensegel oder als Schutz vor Regen. „Für die Arbeitspsychologin ist das wie ein offenes Buch, da haben wir schon die tollsten Sachen erlebt“, erzählt der Künstler. Vom Team, das völlig chaotisch und ohne Organisation das Atelier baute („Der kleinste Luftzug hätte das Ding schon zum Einstürzen gebracht“) bis zur subtilen und ohne Worte funktionierenden Organisation: „Als es ans Atelier ging, setzte sich einer der Teilnehmer hin und hat sich einen Kaffee bestellt. Alle anderen waren ganz entspannt und haben Hand angelegt. Der Kollege führte sie mit ruhigen Worten und ein paar Handbewegungen so sicher, dass innerhalb kürzester Zeit das perfekte Zelt entstand.“

Wenn ein Kunstwerk entsteht, ist der Stolz der einzelnen Teilnehmer nicht zu übersehen – bis zu dem Moment, den Thomas Rappaport als „Todespunkt“ bezeichnet: „Was denken Sie, was passiert, wenn es plötzlich heißt: ‚So, jetzt legen wir alle die Axt aus der Hand, wechseln zum Kunstwerk des Nachbarn und arbeiten daran weiter’? Da steht den Leuten erst mal das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben.“ Was darauf folgt, ist wiederum ein interessantes Feld für die Arbeitspsychologin. Während die einen verschämt um das Werk des Kollegen schleichen und aus Angst, sie könnten es zerstören und die Teamharmonie gefährden am liebsten gar nichts ändern würden, verlangen andere nach der Motorsäge.

Am Ende wissen jedoch alle Beteiligten, wofür der „Prozess Kunst“ gut war. Er schafft Zusammenhalt und Verständnis – und ein starkes Gefühl sowohl für den einzelnen Kollegen wie auch für das Thema, an dem gearbeitet wurde. Dieses „Große Ganze“, empfiehlt der Künstler, sollte dann auch im Unternehmen präsentiert und ausgestellt werden. Das schafft Erinnerungswerte für das Gelernte bei den Projektteilnehmern, wenn sie jeden Tag an „ihrem“ Kunstwerk vorbeilaufen. Und es bindet andere Kollegen ein, wenn sie das Geschaffene sehen und die Beteiligten darauf ansprechen können.

„Art Teaming hat sich als gute Maßnahme erwiesen, um Führungskräfteteams innerhalb kürzester Zeit zusammenzuschweißen“, sagt Rappaport. Es habe zwar lange gedauert, das Konzept mit allen Feinheiten zu entwickeln – die vergangenen Jahre hätten allerdings ihren nachhaltigen Erfolg gezeigt: „Vor Kurzem kam eine Personalerin auf mich zu, die vor acht Jahren auf einem Workshop bei mir war. Mittlerweile ist sie zuständig für 150 Auszubildende und sagte, genau das, was sie vor acht Jahren erlebt habe, möchte sie jetzt in die Nachwuchsförderung transferieren.“ Sie habe viel mitgenommen aus dem Workshop und] profitiere heute noch davon. Das Thema seinerzeit: Achtsamkeit.

Zur Person: 
Thomas Rappaport

Der gelernte Holzbildhauer wurde 1957 in Zürich geboren und wuchs im Teutoburger Wald auf. Nach seiner Ausbildung und dem Studium an der Freien Hochschule Stuttgart war er Lehrer für Kunst und Handwerk und als Dozent in der Erwachsenenbildung tätig. Seit 1998 unterhält er ein eigenes Atelier im Stuttgarter Wildpark und führt „Art-Teaming“-Workshops durch. www.atelier-rappaport.de

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