Trennung braucht Rituale

1. Februar 2017

Sich von Mitarbeitern zu verabschieden gehört zu den eher unangenehmen Aufgaben. Trennungsprozesse fair und transparent zu bewältigen, ist aus Sicht von Karin Wurth das A und O menschlichen und wirtschaftlichen Erfolgs.

Trennung-braucht-Rituale
  • Das Ende von Prozessen, Projekten oder Teams bedarf gleicher Aufmerksamkeit wie ihr Beginn.
  • Stillschweigende Abschiede schaden auf Dauer den Beteiligten und dem Unternehmen.
  • Der Umgang mit Trennung ist in alle Maßnahmen der Personal-, Team- und Organisationsentwicklung zu integrieren.

Wenn im Alltagsbetrieb das Wort „Trennung“ fällt, denken die meisten gleich an Entlassung – die radikalste Veränderung im Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Damit ist das Thema so vorbelastet, dass es Vorgesetzte und Führungskräfte oft nicht einmal mit der Kneifzange anfassen möchten. Zu Unrecht, wie Karin Wurth überzeugt ist. Die Beraterin für Organisationsentwicklung aus dem Allgäu sieht Trennungsprozesse unnötigerweise tabuisiert und mit negativen Assoziationen belegt.

Abschied auch auf kleiner Ebene

Wie sie in ihrem jüngsten Buch „Trennungsmanagement im Unternehmen“ deutlich macht, lohnt sich in diesem Zusammenhang vor allem der Blick auf die alltäglichen Trennungen. Das Ende eines Projekts, die Auflösung eines Teams, die Restrukturierung oder Sanierung eines Unternehmens oder seiner Teile: allesamt Ereignisse, in denen es Abschied nehmen heißt. Nicht unbedingt von Menschen, aber zum Beispiel von vertrauten Umgebungen und Themen, von gemeinsam verbrachter Zeit und geteilten Ideen.

Abläufe strukturiert begleiten

Derlei wird nach Wurths Beobachtung häufig nebenher und (im Gegensatz zu den immer beliebteren Kick-offs) ohne großes Zeremoniell erledigt. Weil es darüber hinaus aber auch gilt, Unglücks- und Todesfälle innerhalb der Mitarbeiterschaft zu bewältigen und bedarfsweise betriebsbedingte Entlassungen zu kommunizieren, plädiert sie für ein durchdachtes und geordnetes Trennungsmanagement. Dazu zählen nicht nur ein entsprechendes Training der Verantwortlichen und eine strukturierte Begleitung der Abläufe, sondern auch geeignete Rituale.

Sicherheit bei Veränderung

„Rituale begleiten, oft unauffällig, Phasen der Veränderung“, so Wurth. „Sie schaffen in unsicherem Fahrwasser ein Gefühl der Verbundenheit.“ Die Suche danach sei häufig gar nicht übertrieben schwierig: Von vorneherein bestünden in jedem Unternehmen solche Rituale, auch wenn sie nicht bewusst wahrgenommen würden. Ihre Bedeutung für alle Beschäftigten ergebe sich aber daraus, dass

  • sie perfekt in den betrieblichen Alltag integriert sind,
  • sie gelebt werden können, ohne groß darüber sprechen zu müssen,
  • ihre Verlässlichkeit und Berechenbarkeit Sicherheit schafft und
  • manche Rituale aus der Erfahrung und der Geschichte der Firma und ihrer Kultur entspringen, weshalb sie auch ohne detaillierte Kenntnis noch immer Kraft und Zusammenhalt geben.

Hier zu beobachten, zu sammeln, zu analysieren und zu ordnen sei eine wichtige Aufgabe für alle, die in Personalverantwortung stehen und dieser ganzheitlich gerecht werden wollen.

Abschluss schafft den ersehnten Zusammenhalt

Weil bei jeder Trennung Gefühle im Spiel sind, sei ein „abschiedsloses Gehen“ zwar die vermeintlich einfache und reibungslose Lösung, meint Wurth. Auf Dauer schade diese aber allen Beteiligten: „Wer so geht, hat keinen guten Abschluss finden können und dürfte noch lange mit der Trennung hadern. Wer zurückbleibt, fühlt sich zurückgelassen, vielleicht sogar verlassen. Was fehlt, ist die Rundung, die abschließende Klammer zwischen Kollegen, ihren Beziehungen und ihrer gemeinsamen Arbeit.“ Selbst ein niedrigschwelliges Angebot für einen Abschied schaffe hier schon Abhilfe.

Beziehungen im Unternehmen erkennen und nutzen

Sowohl angesichts neuer Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt als auch der veränderten Sichtweise auf die Attraktivität von Arbeitgebern rät Wurth Firmen, sich konstruktiv und produktiv „mit der dunklen Seite von Veränderungen, mit Trennungen, Brüchen, Übergängen, Abschieden und Verlusterfahrungen“ auseinanderzusetzen. Weil es dabei unverzichtbar ist, das Thema in alle Maßnahmen der Personal-, Team- und Organisationsentwicklung zu integrieren, liegt der Schlüssel zum Gelingen aus ihrer Sicht beim Verständnis der Beziehungen von Mitarbeitern untereinander, zu ihrer Arbeit und zum Unternehmen.

Vernunft und Gefühle vereinen

Daraus leite sich eine Kommunikation ab, die nicht nur rational argumentiert, sondern auch emotional berührt. Der strukturierte und planvolle Umgang mit Trennungen, egal in welcher Dimension und auf welcher Ebene, so ihre Schlussfolgerung, weise den Weg, „wie eine Kultur der Beziehungen und Kooperation das Miteinander im Unternehmen menschlich und wirtschaftlich gelingen lässt“.

Infos zur Person Karin Wurth

Karin-Wurth

Karin Wurth ist Systemischer Business Coach und Beraterin für Organisationsentwicklung in Kempten (Allgäu) mit Schwerpunkt Team-, Organisations- und Kulturentwicklung von Unternehmen und Non-Profit-Organisationen. Vor ihrer Selbständigkeit hat sie als kaufmännische Führungskraft in verschiedenen Unternehmen an der Initiierung und Gestaltung betrieblicher (Trennungs-)Prozesse mitgewirkt. Ihr Buch „Trennungsmanagement in Unternehmen“ ist in der Reihe „essentials“ bei Springer Fachmedien erschienen (ISBN 978-3-658-15381-6).

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