Veränderung im Anzug

Kleidungsvorschriften in Unternehmen lockern sich. Krawatten verschwinden, Jeans machen sich breit. Auf dem Catwalk der „Corporate Fashion“ lauern Stolperfallen aber auch neue Model-Rollen.

  • Nachwachsende Generationen von Mitarbeitern stellen neue Ansprüche nicht nur bei IT, sondern auch beim Outfit
  • Identitätsstiftung durch Uniform ist äußeres Zeichen innerer Einstellung – und braucht entsprechende Vorbereitung
  • Wirkung auf Kunden und Öffentlichkeit muss mit der Wirkung nach innen im Einklang stehen

Eine Überschrift wie aus dem Feuilleton zierte die FAZ vom 22. Dezember 2015 – jedoch erschien der Artikel im Wirtschaftsteil: „Vom Niedergang eines Machtsymbols – Das Ende der Krawatte“ war dort die Rede. Den Anlass für die Endzeitstimmung hatte nicht zuletzt der Jeans tragende Daimler-Boss Dieter Zetsche geliefert, dem das Blatt beschied, er wage „sich oben ohne auf die Bühne“. Wenn schon unterm Stern die strengen deutschen Dresscodes der amerikanischen Start-up-Lockerheit geopfert werden, so die unterschwellige Botschaft des Beitrags, mit welchem Argument sollen dann erst kleinere Unternehmen ihren Mitarbeitern vorschreiben, dass sie ihrer Arbeit gefälligst hochgeschlossen und be-anzugt nachgehen sollen?

Persönlicher Stil als Teil des Gesamtpakets

In der Tat sehen sich Firmen mit einer ausgeprägten Kleiderordnung neuen Herausforderungen gegenüber. Nachwachsende Generationen legen nicht nur Wert auf das „bring your own device“ bei der IT-Ausstattung, sie sehen auch das „wear your own style“ als Teil des Gesamtpakets. Da kommt die Frage auf: Wo liegt die Balance zwischen Geben und Nehmen, zwischen Individualität und Unterwerfung?

Mehr als nur oberflächliche Wirkung

Sortiert man modische Erscheinungen, das Streben nach Persönlichkeit, den Wunsch nach Unternehmens-Identität und Kommunikations-Wirkung gegenüber Kunden und Öffentlichkeit auseinander, so ergibt sich ein differenziertes Bild, was geht und was nicht geht.

  • Einheitlichkeit der Kleidung steht nach wie vor als Versprechen einheitlicher, anspruchsvoller Standards – inklusive hoheitlicher Souveränität. Diese Art von Marketing und Kommunikation gilt für alle Arten von nach außen sichtbaren Uniformen, von der Feuerwehr bis zur Straßenreinigung, vom Pfarrer bis zum Paketboten, vom Krankenhaus-OP bis zum Bankschalter.
  • Wer übers Outfit eine Identität unter den Beschäftigten erzielen will, berührt und verändert nicht mehr als die Oberfläche. Wie bei Unternehmenswerten oder Leitsätzen ist die Entscheidung für eine gemeinsame Kleidung im Idealfall ein bewusster Schritt, der auf das Schaffen einer inneren Identität folgt. Sprich: Erst braucht es eine Corporate Identity, dann kann man über ein Corporate Fashion sprechen.
  • Besonders dort, wo mit der Kleidung ein Qualitäts- und Seriositätsversprechen verbunden ist, müssen Unternehmen auf Deckungsgleichheit von Schein und Sein achten. Die Krawatte allein macht keinen seriösen Anlageberater, Makler etc.
  • Wer sich für Corporate Fashion entscheidet, tut gut daran, nicht einfach nur „a la carte“ aus dem Katalog zu bestellen. Neben den Kosten, die in der Regel das Unternehmen selbst trägt, spielen auch Aspekte wie Tragekomfort und individuelle Passform eine Rolle, ebenso Sicherheitsaspekte und Nachhaltigkeit bei der Produktion. Ansonsten drohen Störungen und negative Wirkungen, die den optischen Vorteil in einen operativen Nachteil verwandeln.
  • Mindestens genauso durchdacht wie das „Was darf man tragen?“ müssen die Regeln für das „Was geht nicht?“ sein. Das fängt beim Körperschmuck an und reicht bis zum Tragen religiöser Symbole. Regelungen „auf gut Glück“ sind daher zum Scheitern verurteilt; es sollten stets Experten zu Rate gezogen und die eigenen Mitarbeiter einbezogen werden.

Formelle Kleidung stärkt ihre Träger

Dass es bei der Kleiderordnung im Unternehmen um mehr geht als um das Aufgreifen von Trends und garagen-geborenes Revoluzzertum hat ein halbes Jahr vor der FAZ das manager magazin unter einer ähnlich provozierenden Überschrift verdeutlicht: „Warum ein Anzug Sie schlauer macht“ titelte das Blatt und referierte über Forschungsergebnisse der California State University in Northridge zur Wechselwirkung von Kleidung und Denken. Unter dem Titel „The Cognitive Consequences of Formal Clothing“ summierten sich dort die Ergebnisse aus fünf Einzelstudien zu der Erkenntnis, dass formelle Kleidung ihre Träger stark macht. Zumindest fühlen sie sich so und handeln dann entsprechend.