Verständnislos am Arbeitsplatz?

Für Personalverantwortliche tut sich bei der Qualifizierung von Fachkräften ein neues Handlungsfeld auf: die arbeitsplatzbezogene Grundbildung und Alphabetisierung. Eine Bilanz des diesjährigen Randstad Qualifizierungsforums.

Funktionalen Analphabeten fehlen Begleiter aus der Sackgasse

  • Funktionaler Analphabetismus ist auch in Deutschland weit verbreitet.
  • Betroffenen mangelt es an der Fähigkeit, komplexe Inhalte zu erschließen und zu verstehen.
  • Risiken für Unternehmen bei der Kommunikation von Prozessabläufen bis Sicherheitsinformationen.
  • Grundbildung mit Bezug zum Arbeitsplatz zeigt Wirkung bei Mitarbeitern und bei Produktivität.

Es ist nur eine kleine Episode in Eric Schlossers Fachbuch-Bestseller „Fast Food Nation“. Darin berichtet er von gehäuften Fällen an Lebensmittelvergiftungen, deren Ursache zunächst im Dunkeln bleibt. Bis Nachprüfungen während des Alltagsbetriebs in den Restaurants eine signifikante Unterbrechung der Kühlkette an den Tag bringen: Die eingesetzten Kräfte hatten die aufgedruckten Hinweise nicht verstanden, dass die Lieferboxen sofort in den Gefrierraum gebracht werden müssen – und sie zum Teil stundenlang, zum Teil in der Sonne gelagert hatten, bis sie Zeit für diese Arbeit hatten. Für den Betreiber der Kette war dies Anlass, die Anweisungen nicht mehr als Text aufzudrucken, sondern in großen Symbolen.

7,5 Millionen funktionale Analphabeten

Ähnliches mag sich täglich hundert- oder tausendfach in Unternehmen wiederholen. Denn neben dem als Behinderung erkannten Analphabetismus ist auch der „funktionale Analphabetismus“ viel weiter verbreitet, als mancher glauben mag. Funktionaler Analphabetismus betrifft einer Studie der Uni Hamburg zufolge kumuliert mehr als vierzehn Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. Das entspricht einer Größenordnung von 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland.

„Funktionaler Analphabetismus“ liegt bei „Unterschreiten der Textebene“ vor. Das bedeutet, dass eine Person zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben kann, nicht jedoch zusammenhängende – auch kürzere – Texte. Betroffene Personen sind aufgrund ihrer begrenzten schriftsprachlichen Kompetenzen nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben. So misslingt etwa auch bei einfachen Beschäftigungen das Lesen schriftlicher Arbeitsanweisungen.

Betroffene im Spannungsfeld von Wollen und Können

Damit wird der „funktionale Analphabetismus“ zu einem zentralen Qualifizierungs- und Ausbildungsthema in deutschen Betrieben. Eine der Autorinnen dieser „leo. Level-One-Studie“, Prof. Dr. Anke Grotlüschen, machte Anfang November beim Randstad Qualifizierungsforum in München und Essen das Dilemma deutlich, in dem sich die Betroffenen befinden. „Sie wissen, sie sollten an Weiterbildungen teilnehmen, um überhaupt im Job weiterzukommen, ihnen fehlt im Berufsleben gleichzeitig aber oft die Zeit.“

Die Professorin für „Lebenslanges Lernen“ an der Universität Hamburg sieht ein weiteres Hindernis: Arbeitnehmer, denen es an den entsprechenden Fähigkeiten mangelt, werden oft auch durch die eigenen Kollegen oder Arbeitgeber abgehalten, gegen ihre Schwächen etwas zu tun. Diese organisierten in gutem Willen deren Aufgaben häufig um die Defizite herum. „So wird dem Betroffenen nicht geholfen, sondern das Problem vertuscht. Den Mitarbeitern oder Kollegen sollten besser direkt Angebote aufgezeigt werden, wie sie gegen die Schwächen angehen – ein sanftes Stupsen“, empfiehlt die Wissenschaftlerin.

Jeder Betrieb sollte sich dieser Herausforderung stellen

Einen Weg, den auch Uwe Boldt empfiehlt. Er selbst, inzwischen Hafenfacharbeiter bei der Hamburger Hafen und Logistik AG, hat sich mit seinen Defiziten lange an den kritischen Hürden vorbeigemogelt. So lange bei Tests im Rahmen von Weiterbildungen oder Qualifizierungen die Prüfung als Multiple-Choice-Tests abliefen, sei das auch gelungen. „Aber dann kam der Tag für den Job auf einem neuen Kran – und da war diese Methode gelaufen“, räumte er ein. Er machte „klar Schiff“, legte seine Schwäche offen und nahm die Unterstützung seines Arbeitgebers an, der sich die wertvolle Fachkraft erhalten wollte. „Ich muss aber auch heute noch an meinen Schwächen arbeiten und gehe zweimal die Woche in die Schule. Da muss man dranbleiben. Das passiert nicht von heute auf morgen.“

Ausweichstrategie auf beiden Seiten

Nach Boldts Erfahrung, der inzwischen als Botschafter des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundwissen an die Öffentlichkeit gehe, ist es für funktionale Analphabeten durchaus üblich, möglichen Beförderungen oder Zusatzqualifikationen aus dem Weg zu gehen, um ihre Defizite nicht erkennen zu lassen. Aufmerksame Personalverantwortliche könnten an solcher, vermeintlich unlogischer Zurückhaltung erkennen, dass hier Hilfe gefragt ist.

„Den Zahlen und den damit einhergehenden Herausforderungen sollte sich jeder Betrieb stellen“, sagte denn auch beim Forum in München Sabine Eger, Geschäftsführerin DGB Bildungswerk Bayern e.V. und Regionalkoordinatorin des Projektes MENTO. „Man rennt hier aber leider immer noch keine offenen Türen ein. Es ist schwierig, das Thema in Unternehmen zu platzieren und noch schwieriger, an die Betroffenen heranzukommen. Viele Arbeitgeber sind offenbar der Meinung, an einem Hightech-Standort wie Bayern gibt es so etwas wie funktionalen Analphabetismus nicht.“

Mentoren helfen über erste Hürden

Eger plädiert für Angebote, die besser auf die Betroffenen zugeschnitten sind. Sie schult gemeinsam mit ihrem Team im MENTO-Programm Mitarbeiter der unterschiedlichsten Unternehmen, darunter auch Randstad. Seit Anfang dieses Jahres sind ausgebildete Mentoren beim Personaldienstleister für betroffene Mitarbeiter als Ansprechpartner präsent. „Uns war das Thema ein echtes Anliegen. Wir haben erkannt, wie wichtig und wenig beachtetet es immer noch ist und wollten deshalb Experten zusammenbringen“, so Eva Krotwaart. Sie ist selbst Mentorin und hat als Projektmanagerin Arbeitsmarktprojekte bei Randstad Deutschland das Qualifizierungsforum organisiert.

Für Betriebe macht sich Hilfe bezahlt

Dr. Sigrid Schöpper-Grabe, Senior Researcher Kompetenzfeld Bildung, Zuwanderung und Innovation beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln e.V. erläutert, warum es sich trotz Zeitintensität für Unternehmen lohnt, Maßnahmen zur arbeitsplatzorientierten Grundbildung anzubieten: „Zur Grundbildung gehören nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern inzwischen auch PC-Grundlagen sowie soziale Kompetenzen und das Lernen zu lernen“, weiß Schöpper-Grabe. „Firmen, die hier Weiterbildung bieten, profitieren langfristig, denn nicht nur die Arbeitsergebnisse werden besser, sondern auch Betriebsabläufe und die Kommunikation optimiert. Positive Lernerfahrungen stärken zudem das Selbstvertrauen, die Motivation und die Lernbereitschaft der einzelnen Mitarbeiter.“

Grundbildung als Teil der Weiterbildung

Weil es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die kaum lesen und schreiben können, besondere Schwierigkeiten bereitet, mit Veränderungen am Arbeitsplatz umzugehen und neue Aufgaben zu übernehmen, zählt nach Auffassung der IW-Expertin eine ausreichende Grundbildung zu den Voraussetzungen der Beschäftigungsfähigkeit. Auch mit Blick auf den demographischen Wandel und den Fachkräftebedarf lohne es sich, die Förderung der Grundbildung stärker in den Fokus der betrieblichen Weiterbildung zu rücken. Sie empfiehlt daher Unternehmen, sich am Projekt AlphaGrund (Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener) zu beteiligen. Es entwickelt kostenlose Qualifizierungsangebote für Unternehmen. Die Konzepte der nachholenden Grundbildung für Beschäftigte und Erwerbslose sind passgenau auf die Arbeitswelt bezogen.