Vertrauen wirkt auch auf Entfernung

22. Januar 2012

Arbeit im Home Office lohnt sich, Vorurteilen zum Trotz, nicht nur für Beschäftigte, sondern auch für Arbeitgeber. Moderne Technik trägt dazu bei, dass die Verbindung von Lebenswelt und Arbeitsplatz sich positiv in der Unternehmensbilanz niederschlägt.

Vertrauen wirkt auch auf Entfernung

Wie wir morgen leben und arbeiten werden? Ein Blick hinter eine Tür im 2. Stock des Gebäudes am Berliner Ring 11 in Hamburg gewährt buchstäblich Einblicke in diese Zukunft. Der dort angesiedelte „Living Place“ ist ein 130 Quadratmeter großes Labor auf dem Gelände der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). Es besteht aus einem Loft als Musterwohnung und einem Entwicklerbereich. Im Living Place können die Informatiker unter der Leitung der Professoren Gunter Klemke, Kai von Luck und Birgit Wendholt Experimente wie beispielsweise ein Weckszenario durchführen. Der Wecker richtet sich automatisch nach der Schlafphase, dem Terminkalender sowie der aktuellen Wetter- und Verkehrslage. Neben ehemaligen HAW-Studierenden sind rund 50 Personen aus verschiedenen Departments der HAW Hamburg involviert, teilweise im Rahmen einer Master- oder Doktorarbeit oder als Ideengeber: Künstler, Designer, Ingenieure, Soziologen und sogar Mediziner arbeiten hier eng zusammen.

(Weitere Informationen: www.livingplace.org)

Die Organisation des Lebens in der Wohnung soll die Technologie übernehmen. Damit wird nicht zuletzt das Miteinander von privatem und Arbeitsleben erleichtert, bis hin zum fließenden Übergang. „Ich sitze zum Beispiel auf dem Sofa und relaxe bei entspanntem Licht. Plötzlich kommt ein geschäftlicher Anruf. Sobald es klingelt, werden Musik oder Fernseher leise und das Licht hell, damit ich mich besser konzentrieren kann. Ohne den Platz zu wechseln, bin ich im Home Office“, schildert Student Matthias Vogt (25) ein Forschungsprojekt im Living Place. So findet man Sensoren im Sofa, Kameras an der Decke, jedes Teil in der Wohnung ist mit einem anderen verknüpft. „Manch einer mag das unheimlich finden. Doch das ist eben die Kunst, die Balance zwischen der Automatisierung und der Kontrolle hinzubekommen“, sagt der Student. Ziel ist es, die Automatisierung unsichtbar zu machen, den Menschen mit der Technik so zu unterstützen, ohne dass die Technik auffällt und der Benutzer Herr der Lage bleibt.

Schöne Technik, die für die reibungslose Work-Life-Balance bei Telearbeitern sorgt – aber wie sieht die betriebliche Praxis aus? Sind Arbeitgeber, die Teile ihrer Belegschaft zuhause arbeiten lassen, nicht eher die Ausnahme? Als zum Beispiel vor drei Jahren der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) von seinen Mitgliedern wissen wollte, was sie sich einfallen lassen, um die Deckungslücke bei Ingenieuren zu füllen und insbesondere Ingenieurinnen zu gewinnen, da konnten gerade mal bei vier von zehn Befragten Mitarbeiter zu Hause im Home Office arbeiten, während sieben von zehn Unternehmen Teilzeit beziehungsweise Arbeitszeitkonten als Mittel der Wahl sahen.

Wer den Wunsch der Mitarbeiter nach dem Home Office erfüllt, gewinnt einen zugkräftigen Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte

Damit liegt das Angebot ganz offenkundig hinter dem Wunsch der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurück. Wie der Hightech-Verband BITKOM in einer Umfrage ermittelte, wollen 37 Prozent der Berufstätigen gerne an einigen Tagen in der Woche zu Hause arbeiten und weitere 20 Prozent sogar täglich. Fast drei Viertel der berufstätigen Frauen (73 Prozent) möchten am liebsten ganz oder teilweise von zu Hause aus arbeiten oder tun dies bereits. Unter den Männern sind es mit fast zwei Drittel (65 Prozent) aber kaum weniger. Nur noch 30 Prozent der befragten Arbeitnehmer gehen dagegen am liebsten jeden Tag ins Büro. „Das Home-Office und andere mobile Arbeitsformen liegen im Trend. Davon können Beschäftigte und Unternehmen profitieren“, sagte BITKOM-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer und macht deutlich, dass mit dem Home Office den Firmen ein relativ einfach zu realisierendes Mittel im Wettbewerb um Fachkräfte zur Verfügung steht. „Die Mitarbeiter können Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren, die Arbeitgeber können qualifizierte Kräfte langfristig an sich binden.“

Die Entscheidung, Mitarbeitern einen Arbeitsplatzt zuhause einzuräumen fällt oft schwer. Denn dabei spielen neben rationalen Faktoren auch emotionale eine Rolle. Vor allem dann, wenn der Chef immer gern alle Indianer im Lager sieht, denen er am Monatsende das Gehalt überweist. Die Gründe sind vielfältig. Das reicht vom grundsätzlichen Misstrauen gegenüber möglicher Bequemlichkeit und unverdientem Komfort über die Schwierigkeit einer physischen Kontrolle der Arbeitsleistung bis zum Verdacht, die Mitarbeiter könnten die Zeit außerhalb des unmittelbaren Einflusses der Firma dafür nutzen, mit ihrer Arbeitskraft und Kreativität fremdzugehen.

Was ihnen fehlt, könnte man mit „Vertrauen auf Verdacht“ überschreiben. So hat der Kabarettist Frank Markus Barwasser („Erwin Pelzig“) eines seiner Programme überschrieben, in dem er den Verlust von Vertrauen innerhalb unserer Gesellschaft aufspießt. Das Modell der „Vertrauensarbeitszeit“, in dem seit Ende der 90er Jahre immer mehr Firmen strenge Arbeitszeitregeln und Stempeluhren abgeschafft haben, bietet einen entsprechenden Ansatz. Es vollzieht den Paradigmenwechsel von der Anwesenheits- zur Ergebniskontrolle und vom angeordneten Erledigen zum selbstverantwortlichen Erfüllen. Chefs, die ihre eigenen Schwächen kennen, neigen hier dazu, die Stärken ihrer Mitarbeiter zu unterschätzen oder generalisieren Fälle, in denen ihr Vertrauen missbraucht wurde.

Die Arbeitszeitforscherin Dr. Christa Herrmann vom Institut für Soziologie FAU Erlangen-Nürnberg und Autorin des Buches „Herausforderung Vertrauensarbeitszeit“ hat diese Ängste schon vor Jahren entlarvt und eine einfache Gegenrechnung aufgemacht: „Vertrauensarbeitszeit läuft in aller Regel schlicht auf eine de-facto-Verlängerung der Arbeitszeiten ohne jedwede zeitliche oder finanzielle Kompensation hinaus.“ Was wiederum Betriebsräte und Gewerkschaften auf den Plan rief, bei denen die mit „Vertrauen“ etikettierte Hinführung zur Selbstausbeutung Anstoß erregte. Aus der Auseinandersetzung zum Thema entwickelten sich – ausgehend von technologie-orientierten, meist international aufgestellten Firmen – erste Überlegungen zur „Work-Life-Balance“. Unter diesem Prinzip formulieren Leistungsträger in der Belegschaft heute ihre Ansprüche und fordern als Teil ihres Leistungshonorars das Vertrauen des Arbeitgebers, dass sie, egal an welchem Ort, sich maximal für dessen Interessen engagieren. Ein Paradigmenwechsel, der für Führungskräfte in Großunternehmen offenbar noch leichter zu verdauen ist als im Mittelstand. Dabei sind die realen Vorteile für Betriebe.

Unternehmen profitieren vielfach durch das Angebot von Tele-Arbeit – Mitarbeiter sind motivierter und produktiver, Kosten lassen sich senken

So hat sich in der Praxis erwiesen, dass nicht nur der tele-arbeitende Mitarbeiter mit der Entflechtung von Arbeits- und Betriebszeit bzw. von Firmengelände und Arbeitsplatz gewinnt, sondern stets auch das Unternehmen. Eine Erfahrung, die sich wie viele der folgend genannten Faktoren, schon bei der herkömmlichen Teilzeitarbeit, bestätigt hat.

  • Das beginnt mit der persönlichen Motivation der Arbeitnehmer. Indem sie frei bestimmen dürfen, wie sich Arbeitszeit und Freizeit verteilen, gewinnen sie an Motivation – denn offenbar wird ihnen ein bedeutender Wunsch erfüllt. Immerhin ist es in der Regel so, dass die Initiative fürs Home Office von den Beschäftigten ausgeht, nicht von den Firmen.
  • Aus den Verhandlungen, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber über Umfang und Regeln der Heimatarbeit führen (müssen), ergibt sich ganz grundsätzlich ein neuer und verbesserter Ansatz für Zielvereinbarungen und Personalgespräche. Die räumliche Distanz erhöht den Kommunikationsbedarf zum Abgleich von Soll und Haben – und schafft somit eine neue Regelmäßigkeit und Intensität des Dialogs zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern.
  • Gerade bei weiblichen Beschäftigten ist nach wie vor die Verbindung von Arbeit und Familie ein entscheidendes Merkmal für die Attraktivität eines Arbeitsplatzes. Tele-Arbeiterinnen haben hier deutlich bessere Möglichkeiten, diese Verbindung nach eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu gestalten. Sowohl beim Erhalt bewährter Fachkräfte sowie bei der Akquise neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickelt das Angebot eines Home Office starke Zugkraft.
  • Tele-Arbeit leidet unter dem Verdacht, dass insbesondere bei gleichzeitig stattfindendem Familienleben die Ablenkung der Tele-Arbeiter groß und die Konzentration auf die Arbeit klein sei. Ganz abgesehen davon, dass Ablenkungen und Störungen des Betriebsablaufs auch am Präsenz-Arbeitsplatz zum Alltag gehören: Die konkrete und regelmäßig überprüfte Zielvereinbarung führt, schon aus Eigeninteresse das Tele-Arbeiters, zu konzentrierterem und zügigerem Arbeiten.
  • Dies mündet in eine eindeutige Produktivitätssteigerung. Unternehmen, die in größerem Umfang Home Offices anbieten, berichten von einem Plus zwischen 10 und 30 Prozent – abhängig von Qualität und Umfang der Tätigkeiten. Dazu tragen auch die niedrigeren Fehlzeiten und das geringere Aufkommen an Überstunden bei.
  • Diese Motivation genauso wie die Trennung von Büro-Raum und -Zeit fördert das eigenverantwortliche und selbstständige Handeln, das sich lernende und flexible Organisationen sowieso von ihren Angehörigen wünschen.
  • Von der Zeit, die sich Tele-Arbeiter sparen, weil sie keine oder weniger Wege zum und vom Arbeitsplatz zurücklegen müssen, bekommt der Arbeitgeber, direkt oder indirekt, immer etwas ab. Sei es, weil der Tele-Arbeiter die Großzügigkeit bei der Standortwahl mit Großzügigkeit bei der Arbeits-Zeitnahme honoriert, sei es, weil er seine Arbeit wie seinen Feierabend unbeeinflusst vom Stress im Straßenverkehr oder in überfüllten ÖPNV-Fahrzeugen beginnt und beendet. Damit beginnt er morgens die Arbeit frischer und vergeudet keine abendliche Regenerationszeit.
  • In bescheidenem Maß trägt der Wegfall von Pendler-Aktivitäten auch zur Entlastung der Umwelt bei. Für Unternehmen mit „grünem“ Image ein Faktor auf der Habenseite.
  • Vorteilhaft ist eine Home-Office-Struktur auch bei der Standortwahl und -nutzung. Unternehmen in der Peripherie oder auf dem Land können sich so den Zugriff auf Mitarbeiter sichern, die in den Metropolen leben und arbeiten wollen – und umgekehrt.
  • Bei einer ausreichenden Zahl von Tele-Arbeitern lässt sich zudem der Raumbedarf für Präsenz-Arbeitsplätze verringern, was sich unmittelbar in geringeren Kosten niederschlägt.
  • Moderne IT- und Kommunikationstechnik bieten – von der Anrufweiterleitung über Video-Konferenzen bei Skype & Co. bis zum Cloud Computing – ausreichende, verlässliche und mühelos in bestehende Bürowelten integrierbare Werkzeuge, um die physische Entfernung zwischen Tele- und Präsenz-Arbeitern aufzuheben. Die technischen Voraussetzungen für die Einrichtung eines Home Office sind gering: Telearbeiter benötigen Computer, Internetzugang und Telefon. „Das Büro vieler Berufstätiger steckt heute in einem mobilen Computer“, sagt BITKOM-Chef Scheer.
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