"Von einer menschenleeren Fabrik gehe ich nicht aus"

In der Diskussion über die Folgen von Industrie 4.0 rückt das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine in den Fokus. Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft erläutert im Interview mögliche Veränderungen und deren Folgen.

Veränderungen in den betrieblichen Organisationen und Abläufen erst am Anfang

  • In vielen Unternehmen, vor allem KMUs, fehlen derzeit die Rahmenbedingungen zur Umsetzung digitaler Ideen.
  • Veränderte und vereinfachte Prozesse verbessern die Integration vor allem Älterer oder Leistungsgewandelter auf dem Arbeitsmarkt.
  • Aus zentral gesteuerten, klar strukturierten Organisationen werden verteilte, vernetzte und zum Teil autonome Organisationseinheiten – mit Konsequenzen für die Führungskräfte, die lernen müssen, digital und aus der Ferne zu führen.
  • Die betriebswirtschaftliche Dimension der Digitalisierung ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend beleuchtet.

Sie stellen fest: „Industrie 4.0 ist keine Revolution, sondern eine viele Jahre dauernde nicht umkehrbare Evolution gegenwärtiger Produktionssysteme.“ Worauf gründen Sie dies?

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: Die Digitalisierung, das Internet, die allumfassende Informationsbeherrschung durchdringen seit Jahren alle Bereiche unseres Lebens. Wir sprechen daher vom Internet der Dinge und meinen damit, dass Produkte, Dienste, Fahrzeuge, die Menschen und vieles mehr miteinander vernetzt sind. Konsequenterweise sind auch die Produktionsbereiche auf dem Weg in eine vernetzte Zukunft. Industrie 4.0 ist die unaufhaltsame Weiterentwicklung in Richtung dezentraler, internetbasierter Steuerung von Betriebsmittel, Material, Information und Mensch. Lean-Prinzipien wie Just-in-Time, werden konsequent exzellenter umgesetzt.

Das Thema wird derzeit überwiegend von der Technik her kommend diskutiert. Genügt das?

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: Die arbeits- und betriebsorganisatorischen Fragestellungen wurden bislang stark in den Hintergrund gedrängt. Wir wissen aber, dass gerade diese arbeitspolitischen Diskussionen sowie die Akzeptanz der Technologien in der gesamten Belegschaft und bei den Sozialpartnern maßgeblich zum Erfolg der Digitalisierung beitragen.

Sind nicht viele Unternehmen noch gar nicht auf dem Stand des Möglichen?

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: In vielen Unternehmen, vor allem KMUs, fehlen derzeit die Rahmenbedingungen zur Umsetzung digitaler Ideen. Da fehlt in ländlichen Gegenden häufig die Infrastruktur in Form eines schnellen Internets. Oder die Prozesse sind intransparent, instabil und somit nicht digitalisierbar. Ohne Prozessstabilität und Prozesswissen lässt sich Industrie 4.0 nicht umsetzen. Ich stelle immer wieder fest, dass einige Unternehmen sich erst einmal auf den Weg zur Industrie 2.0 oder 3.0 bewähren müssen.

Was verändert sich denn durch diese Evolution an dem Arbeitsbegriff, wie wir ihn bisher kennen und verwenden?

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: In der Industrie 4.0 werden die Prozesse variantenreicher und individueller. Das bedeutet für die Arbeit: Sie wird flexibler und gesünder. Gesünder deshalb, weil moderne Roboter und kraftunterstützende Anzüge den Beschäftigten bei ihrer Arbeit im wahrsten Sinne „unter die Arme greifen“. Dies kann die Integration vor allem Älterer oder Leistungsgewandelter auf dem Arbeitsmarkt erhöhen.

Welche Herausforderungen kommen auf die Arbeitsorganisation zu - und ist sie darauf vorbereitet?

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: Betriebliche Arbeitsorganisationen müssen sich auf viel mehr Flexibilität einstellen. Das derzeit in unseren Köpfen vorherrschende Modell der Arbeitsorganisation – eine Gruppe von Beschäftigten mit zugeteilten Arbeitsplätzen und starren Arbeitszeiten geführt von einer Führungskraft – wird verdrängt von intelligenten Organisationen. Flexibler Arbeitseinsatz, unterschiedliche Tätigkeiten und flexible Arbeitszeiten verdrängen starre arbeitsorganisatorische Modelle.

Wie realistisch sind Szenarien, dass „Industrie 4.0“ der erste Schritt zur endgültigen Verdrängung des produzierenden Menschen durch Maschinen ist?

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: Ich selbst, wie auch die überwiegende Meinung von Unternehmensexperten und Wissenschaftlern, glaube: Der Mensch wird auch weiterhin steuernde, durchführende und überwachende Tätigkeiten vornehmen – von einer menschenleeren Fabrik gehe ich nicht aus. Wie sich die Beschäftigungsformen, Arbeitstätigkeiten verändern und welche Rolle der Mensch als Akteur tatsächlich in der Arbeitswelt 4.0 spielen wird, kann derzeit aber noch nicht eindeutig festgemacht werden.

Digitalisierung zieht verändertes Lernen und neue Lerninhalte nach sich

Welche neuen Fähigkeiten - bzw. Kombinationen von Fähigkeiten - sind nötig, damit Mitarbeiter fähig sind, ihr Unternehmen auf dem Weg zu 4.0 zu begleiten?

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: In erster Hinsicht sind IT-Kenntnisse und deren Anwendung wichtig. Daneben benötigen die Mitarbeiter eine solide Basisqualifikation, vor allem müssen sie Kenntnisse über die jeweiligen Prozesse beherrschen. In flexiblen Arbeitsorganisationen werden zukünftig die Selbstlernkompetenz und Selbstorganisation relevante Fähigkeiten sein. Von den Beschäftigten wird mehr Selbstmanagement und Selbstoptimierung im Arbeitsprozess abverlangt. Die Flexibilität wirkt auch dahingehend, dass unterschiedliche Tätigkeiten unterschiedliche Kompetenzen erfordern. Ich gehe davon aus, dass die berufliche Erstausbildung nicht für das ganze Berufsleben ausreicht. Die Fachqualifikation „auf Vorrat“ hat ausgedient.

Lebenslanges Lernen aller Beschäftigtengruppen wird immer wichtiger. Bisherige Konzepte hierzu (z.B. Lernen im KVP) reichen dafür nicht aus…

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: Ja, die Technologien entwickeln sich rasant. Die Qualifizierungsnotwendigkeit wird uns lebenslang begleiten. Dazu gehört beispielsweise die Definition von kompakten und transparenten Lerninhalten im Arbeitsumfeld, die mit praxisnaher Weiterbildung – „on-the-Job“ – zu erwerben sind.

Wo sehen Sie hier wichtigsten Aufgaben für Personalverantwortliche und Führungskräfte?

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: Aus zentral gesteuerten, klar strukturierten Organisationen werden verteilte, vernetzte und zum Teil autonome Organisationseinheiten. Somit verändern sich sehr wesentlich die Anforderungen an die Führungskräfte, die Führungsprozesse und -instrumente sowie die Erwartungen an die Beschäftigten selbst. In flexiblen Arbeitssituationen wird zudem das digitale Führen über die Ferne wichtiger.

Und welche Hürden gilt es dabei zu überwinden?

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: Digitalisierungsprojekte sind nur in einer „digitalen Unternehmenskultur“ umsetzbar und nachhaltig erfolgreich. Ängste der Beschäftigten und Führungskräfte, beispielsweise „Ich kann nicht digital!“ oder „Mein Job wird durch Roboter ersetzt!“, müssen ernst genommen und bewältigt werden. Hierzu müssen Führungskräfte und Personalverantwortlich - wie bei jedem anderen Change Management - sehr eng zusammenarbeiten.

Neben kultureller Basisarbeit und veränderten Führungsmodellen werden die Personalverantwortlichen vor allem dadurch herausgefordert: In 2/3 der Unternehmen fehlen die IT-Qualifikationen zur Bewältigung der Digitalisierung. Wichtige Aufgabe der Personalverantwortlichen wird es also sein, diese Qualifikationen – ob intern oder extern – sicherzustellen.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Arbeitsschutz? Und: Braucht er dafür veränderte Regeln und Formen?

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: Das Arbeitsschutzgesetz in seiner aktuellen Fassung ist als Regulativ völlig ausreichend. Entscheidend sind jedoch die untergeordneten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse, die zum Teil noch erforscht werden müssen. So gibt es beispielsweise kaum eine quantitativ belegte Aussage darüber, wie lange es der arbeitende Mensch mit einer Datenbrille aushalten kann, ohne zu sehr psychisch beansprucht zu werden.

Welcher Aspekt ist für Sie in der Forschung der spannendste in diesem Zusammenhang? Und welcher der am sträflichsten vernachlässigte?

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser: Als ingenieurwissenschaftlich geprägter Mensch bin ich natürlich fasziniert von den technischen und technologischen Errungenschaften. Drohnen, die durch die Werkshallen fliegen und in Echtzeit Daten sammeln, oder Roboter, die menschenähnliche Bewegungen einstudieren, begeistern den Ingenieur in mir.

Aber: Über diese technischen Errungenschaften hinweg müssen wir unbedingt zwei Dinge intensiv durchdringen. Erstens die betriebswirtschaftliche Dimension ist unbeleuchtet. Mir liegen keine umfassenden Wirtschaftlichkeitsrechnungen vor, die nachweisen, dass auch der unternehmerische Erfolg signifikant durch Digitalisierung gesteigert wird.

Und zweitens – aus gesellschaftlicher Sicht noch wichtiger: Wir benötigen ethische Spielregeln im Umgang mit immer intelligenter werdenden Technologien. Wieweit wollen wir als Menschen unsere Entscheidungsfreiheit und Autonomie an Systeme abgeben?

Info zur Person Sascha Stowasser

Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser ist seit 2008 Direktor und geschäftsführender Vorstand des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e. V., Düsseldorf. Das 1962 gegründete Institut ist eine der renommierten Forschungsinstitutionen in den Disziplinen Arbeitswissenschaft und Betriebsorganisation. Seine Arbeit zielt primär auf die Steigerung der Produktivität in den Unternehmen ab und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Das ifaa legt besonderen Wert auf die enge Verzahnung von Wissenschaft und Praxis und arbeitet in engem Kontakt mit den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie sowie deren Mitgliedsunternehmen. http://www.arbeitswissenschaft.net