Wenn Start-Ups Personal brauchen

24. September 2012

Als wäre eine Existenzgründung an sich nicht schon Herausforderung genug, zieht ein erfolgreicher Start schon die nächsten ungewohnten Aufgaben nach sich. Eine davon, bei der es auch gleich wieder um das Wohl und Wehe der ganzen Unternehmung geht, lautet: Wie bekommen wir eigentlich neue Mitarbeiter?

Die Agentur für Arbeit hat es in ihrem Leitfaden für Existenzgründer in wenigen Zeilen zusammengefasst, wie der künftige Unternehmer in seinem Businessplan die Mitarbeiterfrage am besten behandelt: „Der erste Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen sind zunächst Sie selbst: Beschreiben Sie daher, welche beruflichen Erfahrungen Sie in der Branche gesammelt haben und wie Ihre bisherigen Erfolge aussahen. Haben Sie vielleicht eine Weiterbildung gemacht oder sich auf anderem Wege wertvolles Wissen angeeignet? Wie sieht Ihre Personalplanung für die nächsten drei bis fünf Jahre aus: Wollen Sie überhaupt Mitarbeiter einstellen und wenn ja, wie viele? Wollen Sie vielleicht mit freien Mitarbeitern oder Aushilfen zusammenarbeiten? So wie Sie Ihre eigenen Kenntnisse aufgelistet haben, sollten Sie auch die Qualifikationen Ihrer möglichen Partner und der schon feststehenden Mitarbeiter beschreiben.“

In der betrieblichen Praxis stehen dann die „Chefs in Ausbildung“ jedoch oft vor ungeahnten Hindernissen, weil sie parallel an vielen Baustellen präsent sein müssen, bei denen sich das junge Unternehmen ganz anders entwickelt als geplant. Am schwierigsten ist wohl der Zeitpunkt zu bestimmen, an dem die Arbeit so viel wird, dass sie mehr Kräfte braucht, und gleichzeitig diese Kräfte auch finanzierbar sind. Gerade bei Vollzeitkräften bindet eine Festanstellung Mittel, die in der Anfangsphase eher knapp sind oder in anderen Bereichen wie der Produktentwicklung oder dem Marketing noch dringender benötigt werden.

Dazu kommt, bei aller Liebe zum Internet und zu Social Media, in der Regel ein gesunder Vorbehalt gegen vermeintlich einfache Wege zum neuen Personal: Wie sicher weiß man denn, wer der richtige Mitarbeiter ist? Lässt sich das Engagement wirklich mit ein paar Mausklicks regeln? Das verständliche Zögern mündet in der Regel in eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Form der Selbstausbeutung, die auf Dauer für den Unternehmenserfolg nicht minder schädlich ist wie fehlendes Kapital. Wie groß die Scheu vor zusätzlichem Aufwand auch immer sein mag: Auf die beiden einfachsten Wege für die Personalsuche wie die Stellenausschreibung auf der eigenen Homepage und das Nachfragen im Freundes- und Kollegenkreis sollte man bei aller Belastung nie verzichten.

Dabei bestehen durchaus Alternativen, die einen fließenden Übergang vom Ein-Mann- bzw. Chef-macht-alles-Betrieb zum Aufbau einer fest angestellten Belegschaft erleichtern. Gerade das gegenwärtig durch das Anwachsen der „Cloud“ immer beliebtere Prinzip der „Collaboration“ weist einen Weg, der relativ schnell und unkompliziert begehbar ist. Denn die überschüssigen Ressourcen des einen (Gründers) können via Telekommunikation direkt die Defizite des anderen überbrücken. Zwar bedeutet dieser Schritt zur intensiven Zusammenarbeit stets auch die Aufgabe eines Stückchens Selbständigkeit, auf die gerade Gründer in der Anfangszeit besonders stolz sind. Er sorgt aber im partnerschaftlichen Miteinander zuverlässig für Entlastung und im Idealfall sogar für Ergänzung oder Erweiterung der eigenen Potenziale. Ein bewährtes Beispiel dafür sind die in der Landwirtschaft seit vielen Jahren intensiv genutzten Maschinenringe, bei denen Mähdrescher & Co. inzwischen sogar schon mit Personal ein Ring-Mitglied nach dem anderen bedienen. Für jeden einzelnen von ihnen überschritte die nötige Investition in ein nur saisonal benötigtes Gerät die Grenze zur Wirtschaftlichkeit, im geteilten Nutzen dagegen wird ein zentrales Betriebselement sicher verfügbar und kalkulierbar.

Speziell in den Geschäftsbereichen, die große Unternehmen auslagern, weil sie nicht zum „core business“ gehören, dürfen Gründer anfangs ebenfalls gern Verzicht auf Eigenleistung üben: Verwaltung und Büro. Oder sie teilen sich, wie es zum Beispiel in Business- oder Gründer-Parks die Regel ist, Sekretariat und vergleichbare Funktionen – so lange, bis der Betrieb eine eigene Kraft trägt. Auch hier räumt die „Collaboration“ inzwischen die meisten räumlichen und organisatorischen Hindernisse aus dem Weg.

Bei saisonalen Spitzen wiederum ist die Inanspruchnahme von Personaldienstleistern ein angemessenes Mittel, um mit kontrolliertem Aufwand und planbarem Budget Lücken zu schließen und ausreichend Arbeitskraft sicherzustellen. Zumal Zeitarbeitskräfte einige entscheidende Qualitäten mitbringen, die gerade für Existenzgründer wertvoll sind: Sie verfügen in ihrem Fachbereich über Know-how, das sie ergänzend im Wissenstransfer einbringen. Sie verfügen weiter über Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, wie sie gerade bei Arbeitsabläufen und Prozessen nützlich sind, die erst noch reifen müssen. Und sie können, wenn die Sache läuft, im Rahmen einer Übernahme später zu eigenen Mitarbeitern werden: Das Konzept, über Zeitarbeit neues Personal, dessen Ideen, dessen Talente und dessen Begeisterungsfähigkeit kennenzulernen, zu prüfen und zu integrieren, wie es bei vielen etablierten Firmen bereits verfolgt wird, hat gerade für Gründer seinen besonderen Charme.

Mit ihrem dosierbaren Bedarf an Arbeitsleistung sind junge Unternehmen auch dafür prädestiniert, mit unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen zusätzliche Kräfte an sich zu binden. Der freiberufliche Heimarbeiter kann dort seine Leistung ebenso einbringen wie die Teilzeitkraft oder der 400-Euro-Jobber. Und der, unter Umständen öffentlich geförderte, Einsatz von älteren Arbeitnehmern bringt neben der günstigen Kostensituation auch noch das ins Haus, was Gründern meist fehlt: Erfahrung.

Ein Satz, den man von vielen Gründern hört: „Als ich meinen ersten Mitarbeiter eingestellt habe, fühlte ich mich zum ersten Mal als richtiger Unternehmer.“ Darin steckt eine mehrfache Wahrheit: Die Freude am Chef sein und Anweisungen geben genauso wie die Freude über den fortschreitenden Erfolg, der Wachstum beim Personal nach sich zieht – aber eben auch die Erkenntnis über einen Zuwachs an Verantwortung und Bürokratie. Arbeitsrechtliche Verpflichtungen, Krankenkasse, Berufsgenossenschaft, Sozialversicherung, Steuern, Abgaben und Arbeitsplatzkosten ziehen umfangreiche Verpflichtungen und organisatorischen Aufwand nach sich. Eine gute Gelegenheit, die Business Angels, Gründungsberater oder Existenzcoaches noch einmal in die Pflicht zu nehmen, die zuvor geholfen haben, die neue Firma auf den Weg zu bringen. Auch Steuerberater und Hausbank dürfen in diesem Fall mit ihrem einschlägigen Know-how noch einmal gefordert werden.

Buchtipp

„Schutzrechte für Arbeitnehmer: Was Arbeitgeber wissen sollten“ (Verlag: Haufe-Lexware, Autoren: Joachim Gutmann und Heide Franken, ISBN-13: 978-3648026793).

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