Wie sicher ist die Rente?

20. Dezember 2016

Die Bundestagswahl 2017 wirft bereits ihre Schatten voraus. Und vieles spricht dafür, dass einmal mehr das Thema „soziale Gerechtigkeit“ den politischen Diskurs in diesem Land dominieren wird – diesmal aufgehängt an der Frage: Wie sicher ist das deutsche Rentensystem? Dabei hatte die Politik vor zehn Jahren durch die Verabschiedung eines umfassenden Rentenreformpakets einen Großteil ihrer Hausaufgaben schon erledigt.

Alles war auf einem guten Weg: In den Jahren 2001 bis 2007 schnürte die Politik über die Parteigrenzen hinweg ein Reformpaket, das die Altersversorgung finanziell auf eine nachhaltige Basis stellte. Elemente dieses Pakets waren die Einführung des sogenannten Nachhaltigkeitsfaktors zur Berücksichtigung der demographischen Entwicklung in der gesetzlichen Rente, die schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre sowie die Etablierung der Riester-Rente als zusätzliche Säule der Altersversorgung.

Dass dieses Paket durch die Einführung der Rente mit 63 und der Mütterrente zum Teil wieder aufgeschnürt wurde, mag manch Älteren heute freuen, schafft aber Ärger bei der jungen Generation, der dadurch neue Kosten aufgebürdet werden. Wenn zusätzlich die Überlegungen, den Nachhaltigkeitsfaktor wieder abzuschaffen, und die Riester-Rente in das Umlageverfahren zu überführen, Wirklichkeit werden, fallen diese Kosten noch höher aus.

„Laut der deutschen Rentenversicherung hat eine Anhebung des Rentenniveaus um einen Prozentpunkt eine Erhöhung des Beitragssatzes um einen halben Prozentpunkt zur Folge.“

Entzündet hat sich die aktuelle Rentendebatte an der Frage nach dem künftigen Rentenniveau. Dieses liegt heute bei 48,1 %. Allen Experten ist jedoch klar, dass diese Zahl in Zukunft nicht zu halten sein wird, es sei denn, der Beitragssatz wird kräftig angehoben. Laut der Deutschen Rentenversicherung hat eine Anhebung des Rentenniveaus um einen Prozentpunkt eine Erhöhung des Beitragssatzes um einen halben Prozentpunkt zur Folge.

Ursächlich für diese Entwicklung ist vor allem die Demografie. Schon seit Jahrzehnten substituiert sich die Elterngeneration nur noch zu ca. 65 %1. Hinzu kommt die immer weiter steigende Lebenserwartung, was unter dem Strich die Anzahl der Erwerbspersonen überproportional zur Gesamtbevölkerung schrumpfen lässt, mit der Folge, dass immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner finanzieren müssen.

„Derzeit hat Deutschland mit Altersarmut noch kein Problem.“

Darüber sorgen sich insbesondere SPD und CSU. Horst Seehofer sieht schon die Hälfte der Bevölkerung künftig in der Altersarmut versinken. Doch gerade um das zu vermeiden, gibt es das vierte Element des oben genannten Reformpakets, die Grundsicherung im Alter. Diese soll verhindern, dass ältere Menschen unter die Armutsgrenze fallen – wobei Armut stets relativ ist. Dass in der politischen Debatte das Instrument der Grundsicherung häufig mit Armut gleichgesetzt wird, erschwert an dieser Stelle die sachgerechte Auseinandersetzung. Weshalb die Debatte über die Höhe des künftigen Rentenniveaus so viel emotionalen Sprengstoff enthält, liegt aber auch an Beispielen, die belegen, dass Menschen mit einer qualifizierten Ausbildung trotz 45 Beitragsjahren am Ende eine Altersrente nur auf Grundsicherungsniveau erhalten. Dies erscheint in der Tat nur schwer nachvollziehbar und ungerecht, unterscheidet sich diese Altersrente doch kaum von der einer Person, die über keine Ausbildung verfügt und vielleicht nur sporadisch oder gar nicht gearbeitet hat.

In diesen Kontext gehört die Diskussion über eine solidarische Lebensleistungsrente. Bei ihr handelt es sich im Grunde um einen Rentenzuschuss für Geringverdiener. Damit soll erreicht werden, dass denjenigen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, am Ende mehr bleibt als eine Grundsicherung. Hierzu wurden verschiedene Ansätze beim Koalitionsgipfel Ende November im Rahmen des Gesetzentwurfs zur Stärkung der Betriebsrente diskutiert. Der Gesetzentwurf sieht u.a. vor, die Ost- und West-Renten bis 2025 anzupassen, die betriebliche Altersversorgung zu stärken und Menschen mit geminderter Erwerbsfähigkeit besser zu stellen. Außerdem wird darüber diskutiert, ob Selbständige zukünftig verpflichtet werden, in die Rentenkasse einzuzahlen.

„Ein möglicher Ausweg aus der Misere wäre eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung.“

Derzeit hat Deutschland mit Altersarmut noch kein Problem. Im Gegensatz zu Alleinerziehenden, Langzeitarbeitslosen, Menschen mit Erwerbsminderung und Solo-Selbstständigen zählen die Alten selbst nicht zu den besonders armutsgefährdeten Gruppen.

Lediglich 3 % der über 65-Jährigen beziehen heutzutage Grundsicherung und selbst von denen, die eine Altersrente von unter 600 Euro beziehen, sind nur 6,1 % auf die Grundsicherung angewiesen. Zugleich steht außer Zweifel, dass die Zahl derer, die im Alter die Grundsicherung brauchen, in den letzten Jahren gestiegen ist und in Zukunft auch noch stärker steigen wird – laut wissenschaftlichem Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums auf über 5 % im Jahr 2030.

„Der beste Weg, sich vor Altersarmut zu schützen, ist jedoch eine möglichst durchgehende Erwerbsbiografie.“

Ein möglicher Ausweg aus der Misere wäre eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Norwegen hat dies bereits umgesetzt, andere Länder wie die Niederlande oder Dänemark ziehen nach. Dies erscheint vor allem deshalb geboten, weil ansonsten das Verhältnis von Erwerbsleben auf der einen und Rentenbezugsdauer auf der anderen Seite sich immer weiter zugunsten der letzteren verschiebt – mit unabsehbaren Kosten für die Erwerbstätigen. Der beste Weg, sich vor Altersarmut zu schützen, ist jedoch eine möglichst durchgehende Erwerbsbiografie. Diese lässt sich in Zeiten immer schnellerer Veränderungen am ehesten durch kontinuierliche Aus- und Weiterbildung realisieren. Das gilt insbesondere für diejenigen, die es am Arbeitsmarkt besonders schwer haben, wie zum Beispiel Langzeitarbeitslose, Geringqualifizierte und Migranten – alles Gruppen, aus denen die Zeitarbeit überproportional viele Menschen einstellt und beschäftigt.

1 Statistisches Bundesamt

Die Rente auf dem Prüfstand 

Der Politikbrief fragt zwei Experten nach ihrer Einschätzung des rentenpolitischen Diskurses.

Fragen an Professor Dr. Bernd Raffelhüschen; Professor für Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau.

Randstad Politikbrief: Professor Raffelhüschen, aus Ihrer Sicht ist unser derzeitiges Rentensystem immer noch gerecht. Gerade junge Leute empfinden das System inzwischen aber als ungerecht, weil sie der Ansicht sind, dass sie später nicht den Lebensstandard haben werden, den sie der jetzigen Rentnergeneration gerade ermöglichen. Wo liegt aus Ihrer Sicht denn deren Denkfehler?

PROF. DR. RAFFELHÜSCHEN: Die jetzige jüngere Generation müsste das nicht als Problem sehen. Aber lassen Sie mich hierzu Folgendes erläutern: Gerechtigkeit ist nicht der Begriff, mit dem wir operieren. Jeder versteht unter dem Begriff etwas anderes. Was ich meine, ist ein Art Gleichbehandlung. Gleichbehandlung heißt, dass man das, was man seinen Eltern gewährt, auch selbst bekommt – dafür steht die Rentenversicherung. Die Rentenversicherung sorgt für Gleichbehandlung, weil sie das relative Rentenniveau einfriert. Wenn ich im Leben durchschnittlich verdient habe, dann kriege ich die Durchschnittsrente. Wenn ich doppelt so gut verdient habe kriege ich das Doppelte. Das ist unsere Rente. Die Rendite, die ich daraus beziehe, ist natürlich abhängig von der demographischen Entwicklung. Die Babyboomer, die Generation der 50er und 60er Jahre hat ein Rentenniveau zu erwarten, das deutlich abgesenkt ist im Verhältnis zu dem ihrer Elterngeneration. Deswegen haben wir das Rentensystem umgestaltet: Jeder zahlt gut ein Fünftel seines Einkommens in die Rentenversicherung ein. Damit muss die nächste Generation dann auskommen. Das ist die Logik aller Reformen, die wir bislang gemacht haben.

Randstad Politikbrief: Was ist eigentlich eine „gute“ Rente? Gibt es hier Werte, wie viel Prozent seines derzeitigen Einkommens man als Rentnerin oder Rentner monatlich zu Verfügung haben sollte?

PROF. DR. RAFFELHÜSCHEN: Einen Richtwert für eine gute Rente haben wir nicht, das ist individuell total verschieden. Manche Leute brauchen im Alter weniger, da das Haus abbezahlt ist und die Kinder aus dem Haus sind. Es gibt andere, die sagen, im Alter brauchen sie mehr, weil Kinder teuer sind, aber Enkel teurer. Aus staatlicher Sicht ist wichtig, dass die Rente so hoch ist, dass man nicht in die Armutsfalle gerät und das ist gewährleistet. Wir haben kein Armutsrisiko, sondern ein Lebensstandardsicherungsrisiko. Dieses ist bei jedem individuell verschieden, aber wir wissen, dass es auf 70, 60, manchmal auch 80 % des letzten Nettoeinkommens hinaus läuft.

Randstad Politikbrief: Was raten Sie Menschen mit kleineren Einkommen, die nur geringe zusätzliche Beträge zurücklegen können, um ihre gesetzliche Rente aufzustocken? Ist z.B. die Riester-Rente ein Modell, auf das weiter gesetzt werden sollte – hier gehen ja die Meinungen weit auseinander?

PROF. DR. RAFFELHÜSCHEN: Also der erste Ratschlag gilt für alle: 5-7 % des Einkommens müssen zurückgelegt werden. Das kann jeder, egal wie viel man hat. Und der zweite Ratschlag: Wenn man alle Eier in einen Korb legt, läuft man immer Gefahr, beim Fallen alles zu verlieren. Das heißt, man muss streuen und deshalb gibt es nicht DIE eine Altersvorsorge, sondern verschiedene Facetten. Zur Riester-Rente: Alle, die von DER Riester-Rente reden, haben offensichtlich keine Ahnung. Wir haben 1.500 Formen der Riester-Rente und
diese sind alle sehr verschieden. Riester-Renten, die auf Lebensversicherungsbasis bezogen sind, sind nicht so rentabel, weil sie in Staatspapiere investieren müssen. Riester-Renten, die in Aktien refinanziert werden, die rentieren sich gerade. Und zwischen Null und sehr rentabel haben Sie eine Wahl zu treffen. Da kann Ihnen kein Mensch helfen.

Randstad Politikbrief: Auch in der Zeitarbeit arbeiten Menschen, zum Beispiel im Helferbereich, mit überschaubaren Einkommen. Welchen Rat geben Sie diesen Beschäftigten, damit sie für sich die geeignete Altersabsicherung finden und das System durchschauen?

PROF. DR. RAFFELHÜSCHEN: Der Rat ist einfach: Man geht zu mehreren Personen. Und der zweite Ratschlag ist an die Arbeitgeber gerichtet: Bitte klären Sie die Menschen auf! Die Riester-Rente ist ein Steuervorteil und für Menschen, die wenig oder keine Steuern zahlen, ist der Steuervorteil irrelevant. Für den Geringverdiener ohne Kinder macht die Riester-Rente überhaupt keinen Sinn. Da brauchen wir stattdessen eine vernünftige Form der Entgeltumwandlung. Dafür sollten sich die Arbeitgeber verantwortlich fühlen.

Randstad Politikbrief: Glauben Sie, dass die Grundsicherung stark zunehmen wird? Eine kleine vierte Säule, die sich etablieren wird und ein fester Bestandteil unseres gesamten Systems der Alterssicherung werden könnte?

PROF. DR. RAFFELHÜSCHEN: Es ist schlichte Panikmache der Medien. Altersarmut ist in Deutschland heute irrelevant. Es gibt keine Altersgruppe, die weniger von Armut betroffen ist als die Alten. Wir haben in jeder Altersgruppe 2-, 3-, 4-mal so viele Arme wie Arme bei
den Alten. Wir haben arme Kinder und wir haben arme Familien mit einem niedrigen Einkommen. Wir haben heute eine Armutswahrscheinlichkeit von 7 %, bei den Alten sind es nur 3 %. Das heißt, selbst wenn diese Zahl sich verdoppelt, sind die Alten immer noch unterdurchschnittlich von Armut bedroht.

Randstad Politikbrief: Wenn Sie unserem derzeitigen Rentensystem einen Gesundheitsstand attestieren müssen, wie gesund bzw. krank ist das System?

PROF. DR. RAFFELHÜSCHEN: Unser System ist in den letzten Jahrzehnten gesund gemacht worden. Wir haben alle notwendigen To Do’s bis auf ein paar kleine erledigt, deshalb war die Note 1- bevor Frau Nahles kam. Ohne Frau Nahles hätten wir eine 1-, jetzt haben wir eine 2. Die Kardinalfehler, die Frau Nahles gemacht hat, müssen wir wieder zurückschrauben. Wir müssen über das Rentenzugangsalter reden, denn der Mensch kann nicht jeden Tag, den er länger lebt, in Rente verbringen. Das können wir nicht finanzieren. Und wenn es um Vorbilder für unser System geht, würde ich vorschlagen, dass die anderen uns als Vorbild nehmen und nicht umgekehrt.

Zur Person: Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen

Professor Dr. Bernd Raffelhüschen ist Professor für Finanzwissenschaft, Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Professor an der Universität Bergen in Norwegen. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Sozial- und Steuerpolitik, der Alterssicherung, Gesundheitsökonomie und Pflegevorsorge.

Fragen an Prof. Dr. Thomas Dommermuth; Steuerberater und Hochschullehrer im Fachbereich Steuern und Finanzierung an der Hochschule Amberg-Weiden

Randstad Politikbrief: Zum 1.7.2016 fand die höchste Anpassung der gesetzlichen Rente der letzten 20 Jahre statt: 4,25 % in den alten und 5,95 % in den neuen Bundesländern; das klingt so, als ob die Deutschen sich entspannen könnten. Was meinen Sie?

PROF. DR. THOMAS DOMMERMUTH: Würden die Deutschen genauer hinsehen, wären sie beunruhigt: Die Deutsche Rentenversicherung weist in ihrer Informationsschrift „Standardrente und Rentenniveau 2016“ eine aktuell tatsächlich gezahlte durchschnittliche monatliche Altersrente in Höhe von 1.040 Euro für Männer und geradezu dramatische 577 Euro für Frauen aus – nach Abzug von Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen und noch vor Steuerzahlung. Bei einer aktuellen monatlichen Durchschnittsmiete in Deutschland von aktuell 7,15 Euro pro Quadratmeter ohne Nebenkosten lassen sich mit einer Rente nach Abzug der Steuern keinerlei Sprünge machen. Dies bezeichnet man als Altersarmut.

Randstad Politikbrief: Wie kann sich jeder Einzelne vor der von Ihnen prognostizierten Altersarmut schützen?

PROF. DR. THOMAS DOMMERMUTH: Zunächst einmal bräuchte der Rentner, nach einer flächendeckenden Studie der Uni Bochum aus dem Jahr 2013, verfügbare Nettoeinnahmen im Lebensabend in Höhe von 87 % des letzten Nettoeinkommens vor Rentenbeginn, um ohne nennenswerte Einschränkungen über die Runden zu kommen. Hat sich ein heute 40-Jähriger Mann mit einem jährlichen Bruttoeinkommen in Höhe von ca. 36.000 Euro (entspricht dem durchschnittlichen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsentgelt) bisher nur wenig Sparvermögen für das Alter aufgebaut und beginnt er erst jetzt mit einer Altersversorgung, müsste er rund 25 % seines heutigen Nettoeinkommens als Beiträge für die private Altersvorsorge aufwänden, wenn sich diese langfristig mit 4 % p.a. verzinsen sollten; bei realistischeren 2 % Rendite wären es ca. 32 % Beitrag, also deutlich über 600 Euro monatlich – das wird jener Arbeitnehmer ohne staatliche Hilfe nicht schaffen.

Zur staatlich geförderten Vorsorge rechnen die Riester-Rente, die betriebliche Altersvorsorge und die für Arbeitnehmer zulässige, jedoch wenig bedeutungsvolle Basis- oder Rürup-Rente. Die Riester-Vorsorge wurde von den Medien leider zu Unrecht totgeschrieben; seit über einem Jahr stagniert sie bei 16 Mio. Verträgen, wovon nur ca. 13 Mio. noch aktiv bespart werden. 2016 überwogen die Kündigungen die Neuabschlüsse.

Randstad Politikbrief: Das klingt alles sehr dramatisch. Was könnte Ihrer Meinung nach ein Lösungsansatz sein?

PROF. DR. THOMAS DOMMERMUTH: Die betriebliche Altersvorsorge (bAV) könnte das Problem lösen, weil sie über Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen mehr Menschen schneller erreichen kann als eine Privatvorsorge; auch die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag festgelegt, diese Vorsorgeform besonders zu stärken. Doch ihre Verbreitung in Deutschland ist besorgniserregend: 70 % aller Arbeitnehmer in kleinen und mittelständischen Unternehmen kommen aktuell nicht in ihren Genuss. Inklusive der großen Unternehmen und des öffentlichen Dienstes sind lediglich 60 % der Arbeitnehmer unseres Landes mit bAV versorgt; in Holland liegt der Anteil bei 90 %.

Das betriebliche Pensionsvermögen beträgt gerade einmal 15 % des Bruttoinlandsproduktes – in Holland sind es 160 %. Dies hat Gründe, denn die bAV ist nicht attraktiv genug: Beiträge zur gesetzlichen Krankenund Pflegeversicherung belasten die Betriebsrente ebenso wie die Reduzierung der gesetzlichen Rente durch die bAV; auch die Anrechnung der bAV auf die Grundsicherung ist ein großes Problem. Eine deutliche Stärkung der bAV gelingt daher nur, wenn sie für die Menschen wirklich attraktiv wird. BAV muss sich richtig lohnen, insbesondere in Niedrigzinsphasen, sonst wird man ihre Durchdringung nicht steigern können.

Randstad Politikbrief: Welche Weichen müssten Ihrer Meinung nach gestellt werden, um die bAV nachhaltig erfolgreich zu gestalten?

PROF. DR. THOMAS DOMMERMUTH: Ich finde, folgende Maßnahmen sind erforderlich:

  1. Beseitigung der Belastung der Betriebsrente mit vollen Beiträgen zur Kranken- und Pflegeversicherung. Die würde gelingen, wenn man den Arbeitgeber gesetzlich dazu zwingt, seine bAV-bedingte Sozialabgabenersparnis (Arbeitgeberanteil) an den Arbeitnehmer weiter zu geben. Auf diese Weise wäre auch gleichzeitig das Problem der Reduzierung der gesetzlichen Rente gelöst. Und aus Staatssicht wäre die Maßnahme besonders clever, denn Bund und Ländern entstünden keine Zusatzkosten.
  2. Eine Anrechnung der Betriebsrente auf die Grundsicherung darf künftig nicht mehr erfolgen bzw. muss in ihrer Schärfe reduziert werden. Ansonsten sieht kein geringverdienender Arbeitnehmer ein, warum er Beiträge im Rahmen der Entgeltumwandlung für etwas zahlen soll, was bei Rentenbeginn im „schwarzen Loch“ des Staates verschwinden könnte.
  3. Der Höchstbeitrag für steuerfreie Beiträge zur bAV (zur Zeit 4 % der Beitragsbemessungsgrenze) ist spürbar zu erhöhen. Wer die Menschen zu mehr staatlich geförderter Vorsorge anspornen will, muss auch entsprechende Anreize setzen. Dies ist eine Investition des Staates in die eigene Zukunft, denn ohne ein Mehr an Vorsorge werden auch die Steuereinnahmen der Zukunft einer im demografischen Wandel begriffenen Gesellschaft geringer ausfallen.


Schließlich bedarf es noch eines Instrumentes zur schnellen Verbreitung der Betriebsrente: eine gesetzlich fixierte Ausstiegsoption. Jene Arbeitnehmer, die nicht schriftlich NEIN sagen, erhalten auf diese Weise automatisch eine bAV durch Entgeltumwandlung. Großbritannien hat damit seit 2012 beste Erfahrungen gemacht. Hoffentlich gelingt uns dies mit dem anstehenden Betriebsrenten-Stärkungs -gesetz auch.

Zur Person: Prof. Dr. Thomas Dommermuth

Steuerberatern Professor Dr. Thomas Dommermuth ist Mitgründer und Vorsitzender des wiss. Beirats des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung und seit 1996 Hochschullehrer an der Ostbayrischen Technischen Hochschule in Amberg-Weiden mit dem Schwerpunkt Steuern und Finanzierung.

Auf einen Blick

Laut EU-Standard gelten Menschen, die 40 % weniger als das mittlere Einkommen zur Verfügung haben als „streng“ arm, mit weniger als 50 % als arm und mit weniger als 60 % als armutsgefährdet.

Nachhaltigkeitsfaktor

Er regelt das Verhältnis zwischen Leistungsbeziehern und versicherungspflichtig Beschäftigten unter Berücksichtigung konjunktureller Veränderungen. Bei einer erhöhten Anzahl von Beitragszahlern steigt der Faktor und bei geringer werdender Anzahl sinkt er und damit der Rentenbetrag.

Rentenniveau

Zur Errechnung des Rentenniveaus werden die durchschnittlichen Rentenbezüge ins Verhältnis zum aktuellen Durchschnittslohn gesetzt. Der derzeitige statistische Mittelwert liegt bei 48, 1%. Die errechneten Rentenbezüge beziehen sich dabei auf 45 Beitragsjahre.

Grundsicherung

Anspruch auf eine Grundsicherung haben Personen, die die Altersgrenze erreicht haben oder eine bestehende Erwerbsminderung nachweisen. Die Grundvoraussetzung dazu ist, dass sie auf Dauer ihren Lebensunterhalt nicht aus eigener Erwerbstätigkeit bestreiten können. Statistische Ämter des Bundes und der Länder BMAS

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