„Zeitarbeit hat in der Krise ihre Stärke bewiesen“

25. April 2012

Wenn es um verlässliche Analysen des Zeitarbeitsmarktes geht, steht in Deutschland ein Unternehmen aus Kaufbeuren in vorderster Reihe. Seit Jahren setzen die Studien der Lünendonk GmbH den Standard bei der Beurteilung des Marktes und seiner Potenziale. Im Interview erläutert Hartmut Lüerßen, Partner bei Lünendonk, aktuelle Trends und Entwicklungen.

Für das Jahr 2012 steht vor allem das Thema Equal Pay im Fokus

Der Zeitarbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahren stark verändert, das Instrument Zeitarbeit ist heute in Deutschland stärker etabliert als je zuvor. Wo sehen Sie aktuell die Trends und Treiber?

Lüerßen: Im Jahr 2012 steht die Branche vor der Herausforderung „Kontinuität in Zeiten des Wandels“. Es geht darum, die Kundenanforderungen gut zu bedienen. Dabei stehen die Themen Rekrutierung und Mitarbeiterbindung ganz oben auf der Agenda. Gleichzeitig müssen aus Branchensicht die Verhandlungen zu Equal Pay im Sinne einer praktikablen und wirtschaftlich tragbaren Lösung vorangetrieben und auch die Konjunkturentwicklung aufmerksam beobachtet werden.

„Für das Jahr 2012 steht vor allem das Thema Equal Pay im Fokus. Hier fährt die IG-Metall inzwischen zweigleisig und verhandelt mit den Zeitarbeitsverbänden.“

Wie steht es aktuell um die Rahmenbedingungen für den Zeitarbeitsmarkt?

Lüerßen: Für das Jahr 2012 steht vor allem das Thema Equal Pay im Fokus. Hier fährt die IG-Metall inzwischen zweigleisig und verhandelt mit den Zeitarbeitsverbänden. Parallel wurde das Thema beispielsweise auch mit den Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie verknüpft. Weil nicht wenige größere Unternehmen nach eigenen Antworten zu der Thematik suchen, kommt das Equal Pay auch im Tagesgeschäft immer wieder zur Sprache. Das haben uns mehrere führende Anbieter berichtet.

Zu Beginn des Jahres zeigte sich die Nachfrage fast unerwartet stabil und auf hohem Niveau – trotz der Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Euro-Rettungsschirm und der Entschuldung Griechenlands. Damit bleiben auch die Geschwindigkeit der Mitarbeiterrekrutierung sowie die Mitarbeiterbindung die Top Themen.

Was bedeutet diese Entwicklung für Unternehmen, die Zeitarbeit in Anspruch nehmen?

Lüerßen: Da immer weniger Bewerber zur Verfügung stehen, wird es immer schwieriger für die Zeitarbeitsanbieter, die passenden Mitarbeiter zu liefern. Dies hat zur Folge, dass Kunden länger warten müssen und auch Abstriche bei den Anforderungen an die Kandidaten in Kauf nehmen müssen. Insbesondere je höher das gesuchte Qualifikationsniveau sein soll, desto schwieriger gestaltet sich die Suche.

Sind die Vorteile, die die Zeitarbeits-Branche verspricht, wirklich so groß und messbar? Wie viel Eigenleistung muss ein Unternehmen bei Planung und Steuerung erbringen, um diese Vorteile wirklich nutzen zu können?

Lüerßen: Die große Stärke der Zeitarbeits-Unternehmen ist noch immer die Geschwindigkeit, mit der der geeignete Zeitarbeitnehmer für den Bedarf beim Kunden gefunden wird. Die Tatsache, dass Zeitarbeit verstärkt in den Unternehmen zum Einsatz kommt, zeigt den Erfolg dieses Modells.

Die große Stärke der Zeitarbeitsunternehmen ist noch immer die Geschwindigkeit

„Die große Stärke der Zeitarbeitsunternehmen ist noch immer die Geschwindigkeit, mit der der geeignete Zeitarbeitnehmer für den Bedarf beim Kunden gefunden wird.“

Je nach Größe des Unternehmens arbeiten die Auftraggeber meist mit mehreren Anbietern für Zeitarbeit und Personaldienstleistungen zusammen. Die Steuerung dieses externen Partner-Ökosystems sowie die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Dienstleistern wird wegen des Fachkräftemangels immer wichtiger. Das haben viele Unternehmen bereits erkannt und binden die externen Dienstleister frühzeitig in die Planungen mit ein.

Von der Überlassung zur Übernahme: Welchen Stellenwert hat der „Klebeeffekt“ wirklich?

Lüerßen: Hierzu sind die Meinungen und Ansichten sehr unterschiedlich. Auch die Angaben, wie hoch die Zahl der Zeitarbeitnehmer ist, die von einem Kunden übernommen werden, schwanken in der öffentlichen Diskussion und sind auch für die Zeitarbeits-Unternehmen zum Teil schwer messbar, weil Übernahmen häufig nicht Bestandteil der ersten Verhandlungen zum Einsatz waren. Jedoch werden entsprechende Übernahmevereinbarungen inzwischen regelmäßiger Bestandteil der Verträge. Aus unseren jährlichen Lünendonk-Studien geht hervor, dass durchschnittlich etwa 20 Prozent der Zeitarbeitnehmer zum Kundenunternehmen wechseln. Zum Vergleich: Für 2012 hat Audi beispielsweise angekündigt, 700 der 2.500 eingesetzten Zeitarbeitnehmer übernehmen zu wollen.

Der Markt ist dominiert von einigen ganz großen Anbietern und sehr, sehr vielen kleinen und mittleren Firmen. Die Großen sind eher Generalisten, die Kleinen Spezialisten.

Was bedeutet das für den Wettbewerb – und was hat der Kunde davon?

Lüerßen: Die Existenz von Generalisten und Spezialisten wird es in der Zeitarbeitsbranche, sowie auch in anderen B2B-Dienstleistungs-Märkten, wohl immer geben. Beide Arten haben ihre Vor- und Nachteile und werden auch von den Kundenunternehmen unterschiedlich nachgefragt und eingesetzt.

„Die Existenz von Generalisten und Spezialisten wird es in der Zeitarbeitsbranche, sowie auch in anderen B2B-Dienstleistungs-Märkten, wohl immer geben.“

Im Bereich der Spezialisierungen stehen gerade die großen Anbieter-Unternehmen vor der Herausforderung, dass die Wachstumsraten in den Spezialisierungen aufgrund von komplexeren und damit oft auch längeren Rekrutierungsprozessen nicht mit dem „Massengeschäft“ mithalten können, sodass diese klassischen Zeitarbeitssegmente in einer Wachstumsphase wieder das Hauptaugenmerk der Aktivitäten erhalten.

Soziale Netzwerke werden immer effektiver als Plattformen für die Kandidatensuche

Marktanteile wurden in den Jahren 2010 und 2011 besonders in den Segmenten der einfachen Industrie-Services sowie den Facharbeitertätigkeiten gewonnen oder verloren. Gleichzeitig müssen die Bereiche der Spezialisierungen im Markt oft mit Themen-Spezialisten konkurrieren, die nicht als „Zeitarbeitsunternehmen“ positioniert sind, sondern als Beratungs- oder Dienstleistungs-Unternehmen. Dies trifft oft bei den Themen Technologie-Beratung und Engineering Services, IT-Beratung und IT-Services, Instandhaltung, spezialisierten kaufmännischen Services oder Rekrutierung, Vermittlung und Steuerung freiberuflicher IT-Experten zu.

Welche Kriterien helfen einem Kundenunternehmen, den richtigen Zeitarbeitsanbieter zu finden und zu erkennen?

Lüerßen: Die Anforderungen unterscheiden sich nach den jeweiligen Gegebenheiten in den Unternehmen. Zu den wichtigen Kriterien gehören üblicherweise:

  • Zuverlässigkeit des Anbieters
  • Angebot der Qualifikationen
  • Image und Ruf des Anbieters
  • Referenzen
  • Adäquate Bezahlung
  • Reichweite des Anbieters
  • Soziales Engagement

Mit welchen Entwicklungen rechnen Sie als Marktbeobachter in nächster Zeit?

Lüerßen: Es zeichnet sich ab, dass ab einer gewissen Größenordnung von circa 900.000 Zeitarbeitnehmern eine Verlangsamung des Marktwachstums eintritt. Auf der einen Seite wird die sogenannte „stille Reserve“, hiermit sind Langzeitarbeitslose gemeint, mobilisiert, um den Bedarf zu decken. Auf der anderen Seite sind mit der Mobilisierung dieser Langzeitarbeitslosen hohe Kosten verbunden, um diese wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren und das kann die Zeitarbeit als Branche nicht leisten.

„Soziale Netzwerke wie LinkedIn oder Xing werden immer effektiver als Plattformen für die Kandidatensuche und Kandidatenansprache eingesetzt.“

Spielt das Internet auch eine Rolle?

Lüerßen: Hier zeigt sich in der Tat eine weitere Entwicklung bei der Ansprache und Mobilisierung „passiv suchender“ Kandidaten. Soziale Netzwerke wie LinkedIn oder Xing werden immer effektiver als Plattformen für die Kandidatensuche und Kandidatenansprache eingesetzt. Insbesondere für die Personalvermittlung dürften die sozialen Netzwerke zukünftig von besonderer Bedeutung sein, weil hier ganz gezielt die sogenannten „passiv suchenden“ Kandidaten angesprochen werden.

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